Der Sozialanthropologe Thomas H. Eriksen brachte es schon vor fast 20 Jahren auf den Punkt: "modernity is speed". Die digitale Vernetzung ist daran nicht ganz unschuldig, denn sie hat aus der ganzen Welt eine Tratschbörse gemacht. Auch privateste Neuigkeiten umrunden in Sekundenschnelle den Globus, das kollektive Aushorchen hat Methode. Um sein Privatleben zu schützen, reichten früher Fenster und Türen aus, berufsbedingte Schweigepflichten sowie das Bank-, Beicht- und Postgeheimnis waren sakrosankt. Was in einem verschlossenen Kuvert versandt wurde, durfte nur vom Empfänger gesehen werden. Und schon haben wir unser Problem. Selbst wenn uns immer wieder durch Experten suggeriert wird, unsere Daten seien sicher, dann gibt es irgendwo einen cleveren Hacker, der selbst in seinem Jugendzimmer unseren Datenschützern immer einen Schritt voraus ist.

Daher haben die Sicherheitsmaßnahmen selbst für unsere persönliche, digitale Mikrowelt zwar Priorität, aber dennoch ein nerviges Ausmaß erreicht. Stichwort: Passwörter. Jeder Vorgang braucht sein Passwort, für jede Funktion natürlich separat. Und kreativ muss es sein. "Passwort", "Hallo123" und "Schalke04" sind z. B. ein absolutes No-Go. Überflüssig zu erwähnen, dass auch Z und Y obsolet sind, denn wenn versehentlich das amerikanische Tastaturlayout aktiviert wurde, funktionieren sie nicht mehr. Selbstverständlich muss das persönliche Passwortportfolio alle zwei bis drei Monate upgedatet werden. Schließlich darf es in der heutigen Zeit ja kein Problem sein, zwei Dutzend gemischter Passwörter wie Xc43f_d8H oder tA55N8dL_5ra im webgeschulten Hirn zu engrammieren. Wenn das nicht gelingt und das Passwort zum Hasswort mutiert, muss auch der sonst so clevere Akademiker einen Experten organisieren, der im Falle eines Falles die eigenen Passwörter knacken muss. Dieser Worst Case schlug vor einigen Jahren in unserer Praxis ein. Unser IT-Betreuer war leider durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen und hatte alle relevanten Administratorencodes in die Ewigkeit mitgenommen. Unsere sensiblen Computerverwaltungsdaten schlummerten und ruhen bis zum heutigen Tag in seinem Betriebsrechner, der offensichtlich besser gesichert ist als Fort Knox. In der Folge mussten wir nahezu alle Rechner und Server unserer Praxis erneuern, um wenigstens die Patientenkartei zu retten. Das Manöver gelang, aber seitdem schwöre ich auf das 100 %ig sichere KKW Six point Zero System (KKW6.0). Was das heißt: Karteikarte weiß DIN A6. Auf dieser biologisch entsorgbaren, ultraleichten Minifestplatte aus Zellulose und Holzschliff sind alle sensiblen Daten mit einer dokumentensicheren Mine notiert und werden von mir in mehrfacher Ausfertigung privatissime verwahrt. Bei jederzeitigem Zugriff hat sich dieses System jetzt schon so bewährt, dass ich mit dem Gedanken einer Patentierung spiele.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (15) Seite 87