Jahrzehntelang ist man als Hausarzt meist mit den gleichen Menschen beschäftigt: ihren Sorgen, Krankheiten, Eigenarten und Lebensumständen. Eindrücke oder Denkwürdigkeiten prägen sich ein, verdämmern aber durch den Alltagstrubel und werden im zerebralen Hausarztarchiv zwischengelagert. Doch plötzlich können sie wieder auftauchen. Ein Duft, ein Geräusch, eine Musik oder eine bestimmte Umgebung reichen manchmal aus, um längst vergessen geglaubte Erinnerungen zu erwecken.

So ging es mir unlängst bei der Baubesichtigung einer aufgelassenen Altbauwohnung unserer Stadt. Vor Jahrzehnten hatte ich dort öfter Hausbesuche bei einem älteren, inzwischen verstorbenen Patientenehepaar machen müssen. Das einzige noch vorhandene Inventar aus dieser Zeit war ein mit Blumenmuster tapeziertes Brett neben der Ausgangstüre, voll behängt mit Schlüsseln (Abbildung). Das rührte mich an, denn die beiden galten als skurrile Originale und hatten kein leichtes Leben gehabt. Sie war eine exzellente Sängerin gewesen, mit einer den gesamten Chor übertönenden, flirrenden Sopranstimme. Trotz monetärer Engpässe hatte sie sich den Luxus geleistet, Gesangsstunden bei der seinerzeit weltberühmten Elisabeth Schwarzkopf zu nehmen. Ihr Ehemann war schon in jungen Jahren infolge eines Hypophysentumors an einer Akromegalie erkrankt. Dies machte ihn damals zu einer medizinischen Sensation in unserer Provinzstadt. Bis dahin hatten sich seine Gesichtszüge schon auffallend vergröbert und das Kinn, die Hände und die Füße typischerweise vergrößert, bis er schließlich in einer Universitätsklinik operiert wurde. Trotz dieser äußeren Auffälligkeiten, weiterer endokrinologisch bedingter Folgeerkrankungen und des krankheitsbedingten, wirtschaftlichen Niedergangs seiner kleinen Firma behielt er in liebenswerter und charmanter Weise eine fatalistische Gelassenheit. So äußerte er einmal in der Sprechstunde in ironisch-gelassenem Ton, dass er sich jetzt nur noch auf die Verwaltung seiner "Liegenschaften" konzentrieren müsse, die ihm noch geblieben seien. Als er plötzlich Doppelbilder bekam, ein Rezidiv seines Hypophysentumors und ein großes Aneurysma der Basilarisarterie entdeckt wurden, erläuterte ich ihm die komplexe Risikosituation. Lakonisch kommentierte er dies nur mit den Worten, dass über ihm wohl nicht nur das berühmte Schwert des Damokles, sondern eine ganze Messerschublade schwebe. Leider sollte er Recht behalten, denn nur wenige Monate nach dieser sehr treffenden Aussage ist er ganz akut an den Folgen einer Hirnblutung verstorben.

Als ich das Schlüsselbrett so hängen sah, waren mir die beiden Leutchen schlagartig wieder so präsent, als ob sie gestern mein Sprechzimmer verlassen hätten. Und ja: Genau dieses Kintopp der Erinnerungen ist es, was meinem hausärztlichen Tun eine ganz persönliche, einzigartige und nachhaltige Note verleiht.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (8) Seite 73