Es ist ein schöner Zug der Wissenschaft, dass uns durch ausgefeilte Studien immer wieder vor Augen geführt wird, warum gewisse Dinge im Alltag einfach so sind, wie sie sind. So stellte sich eine Schweizer Studie mit dem anspruchsvollen Titel "Acute stress impairs self-control in goal-directed choice by altering multiple functional connections within the brain‘s decision circuits" (Maier SU et al. Neuron. 2015; 87: 621 – 31) der herausfordernden Forschungsfrage, ob eine stressbelastete Situation im Nachgang zu einer ungesunden Geschmacksverirrung führt.

Oder einfacher: ob der Betroffene nach einem Stresserlebnis eher dazu neigt, wohlschmeckendere, aber ungesündere Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Die freiwilligen Probanden hatten alle eine prinzipiell gesunde Ernährungseinstellung, zumindest bis der Stress kam.

Der Stressimpuls bestand bei 29 von ihnen darin, eine Hand drei Minuten lang in eiskaltes Wasser zu tauchen, während 22 Kontrollprobanden die Hand genauso lange in ein warmes Wasserbad hielten. Anschließend wurde bei allen der Stresslevel getestet, ehe sie im Anschluss zwischen einem verlockenden, aber dem Körper abträglichen und einem deutlich gesünderen Lebensmittel wählen konnten.

Die unterkühlt gestresste Personengruppe richtete ihr Essinteresse verstärkt auf das leckere, leider auch gesundheitsschädlichere Produkt, und zwar umso häufiger, je höher der Stresslevel war.

Kennen Sie das auch aus Ihrer Praxis? Ich jedenfalls habe festgestellt, dass sich nach sinnlosen und ermüdenden Diskussionen mit Patienten zur Befriedung meines limbischen Systems die sofortige Einflößung einer Tasse frisch aufgebrühten, dampfenden Kaffees bewährt hat. Bei einem schweren Anfall wird dieser Behandlungszyklus in der Regel durch auf Vorrat gehaltene Gummibärchen eskaliert.

Leider haben diese meist roten, farblich meiner Affektlage angepassten und sehr süßen Tierchen ein eher ungünstiges Persönlichkeitsprofil: Sie bestehen hälftig aus Zucker und nur 50 g von ihnen tragen mit satten 170 kcal zur Vorratshaltung im Speckgürtel des Körpers bei. Ob ihr psychisch nivellierender Effekt jedoch durch eine ebenfalls rote Tomate (50 g haben 10 kcal) genauso garantiert ist, muss wohl jeder selbst erproben. Sicher ist, dass alle Menschen situativ bedingt gelegentlich einen Endorphinstimulator brauchen, weshalb "keine Gummibärchen" auch keine Lösung sind.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (18) Seite 95