Jede Epoche hat die Epidemie, die sie verdient, meinte schon Ödön von Horváth und gipfelte mit der Feststellung: Jeder Zeit ihre Pest. Recht hat er. Selbst wenn wir körperlich verschont geblieben sind, hat uns die Coronapandemie mental ganz schön durcheinandergewirbelt. Dabei sind wir doch letztlich durch die Götzen eines monetär geprägten 3-M- Zeitgeistes in das Fadenkreuz des Coronavirus geraten. Keywords: Mobilität, Massenveranstaltungen, Massentierhaltung.

Die weltweite Infektion forderte schlimme Opfer, im harmlosesten Fall blieb es bei einer Einschränkung unserer persönlichen Bewegungsfreiheit. Doch bei dem ein oder anderen Zeitgenossen führte die Pandemie zu einem schmerzhaften Ausfall nicht wiederholbarer Ereignisse.

So las ich im Januar dieses Jahres eine Zeitungsanzeige, die eine Bustagesreise zu den Passionsspielen nach Oberammergau bewarb. In jüngeren Jahren hätte ich gelangweilt mit dem "Das hat noch Zeit"-Argument abgewinkt. Doch das weltweit bekannteste Passionsspiel findet nur alle zehn Jahre statt und so folgte prompt der Entschluss, wenn nicht jetzt, wann dann. Wenig später wurde klar, dass die Oberammergauer Variante der Leidensgeschichte Jesu ausgesetzt werden muss.

Diese Passionsspiele werden (nicht ganz sicher belegbar) auf Kaspar Schisler zurückgeführt, der sich als Taglöhner zwei Jahre außerhalb seines Heimatdorfs verdingen musste. Dort wütete der Dreißigjährige Krieg und mit ihm die Pest. Oberammergau aber blieb aufgrund strikter Quarantänemaßnahmen bis 1633 seuchenfrei.

Bis sich eben Schisler, schon infiziert, zum Kirchweihfest in das Dorf einschlich und mehr als 80 Menschen den schwarzen Tod brachte. Ein Gelübde der Dorfgemeinde, die Passion in Dezennien zu verkünden, soll diesem Spuk ein Ende gesetzt haben. Jenem Brauch, entstanden aus der folgenreichen Missachtung eines Verbots, hat nun ein modernes Virus eine Sperrfrist verordnet. Eine Ironie der Seuchengeschichte.

Doch neben der Quarantäne suchten schon die Menschen des Mittelalters nach anderen Hilfen. Sie stießen dabei auf die Pestwurz (Abb.), deren starker Geruch die Pest vertreiben sollte. Das Ergebnis ist bekannt. Die traubigen Röhrenblüten dieses Asterngewächses weisen aber zumindest optisch eine auf den ersten Blick verblüffende Ähnlichkeit mit dem SARS-CoV-2-Virion und seinen gestielten Oberflächenproteinen auf. Und auch gegen diese moderne Variante einer globalen Seuche ist bislang noch kein Kraut gewachsen. So schließt sich eben der Kreis.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt

Mein besonderer Dank geht an die Kollegin Dr. Waltraud Fink aus Straning, Niederösterreich, die mich auf diese optische Besonderheit der Pestwurz hinwies und mir zugleich die Verwendung ihres Bildes erlaubte.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (11) Seite 75