Neulich auf dem Weinfest. Ein unbändiges Verlangen führt mich direkt zu dem Stand mit den Süßigkeiten und den gebrannten Mandeln. Man soll ja viel mehr auf den eigenen Körper hören, der einem zuverlässig signalisiert, was er gerade braucht. Oder etwa nicht? Mein Körper braucht auf jeden Fall nach der Bratwurst zum Nachtisch noch einen schokoglasierten Erdbeerspieß – für die Vitamine.

Außerdem soll der Riesling in diesem Jahr ganz besonders gut sein und da ist eine ordentliche Grundlage schließlich das A und O! Und tatsächlich, nicht nur der Riesling entpuppt sich als ausgesprochen schmackhaft, da ist man sich im ganzen Freundeskreis einig. Gerade, als sich die Stimmung munter Richtung Höhepunkt entwickelt, kommt der große Dämpfer: Eine besonders reflektierte Person der heiteren Runde bemerkt mahnend, dass diese Weinfeste – so schön sie auch seien – der Gesundheit ja nun nicht gerade zuträglich sind, zumal man sich ja nun auch schon den dritten Abend in Folge hier treffe.

Ein ziemlich unproduktiver Kommentar, wie man den abschätzig dreinschauenden Gesichtern entnehmen kann. Aber nun reflektiert auch der Rest des Freundeskreises das Konsumierte der letzten vier Stunden. Kurze Stille in der Runde. Geschürzte Lippen, gerunzelte Stirn, den Blick abschätzig ins Glas gerichtet, wird der aktuelle Gesundheitszustand in Abhängigkeit von Spätburgunder und Rieslingschorle analysiert.

Noch gerade rechtzeitig, bevor das schlechte Gewissen aufkommt, fällt mir die Theorie des sogenannten französischen Paradoxons ein. Dieses Phänomen beschrieb bereits in den 80er-Jahren die Tatsache, dass die Franzosen trotz eines deutlich erhöhten Alkohol- und Fettkonsums länger leben als beispielsweise Deutsche und auch deutlich seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Worauf wurde dieser Effekt zurückgeführt? Ja klar, auf den Wein natürlich, den roten insbesondere! Denn worauf bezieht sich schließlich das berüchtigte savoir-vivre – die französische Kunst, das Leben zu genießen – wenn nicht auf den lebensbejahenden Genuss des täglichen Gläschens Wein.

Von vielen Vinophilen mit Freude zur Kenntnis genommen, wurde mittlerweile ja tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Rotwein und einer gefäßschützenden und antikarzinogenen Wirkung beschrieben. Diese soll verschiedenen bioaktiven Stoffen wie den Polyphenolen zuzuschreiben sein, welche u. a. die Gefäße erweitern und so für eine gute Durchblutung sorgen. Aber wie kausal die Lebensdauer der Franzosen nun wirklich durch den Weinkonsum zu erklären ist, weiß vermutlich nur der vielzitierte Gott in Frankreich selbst. An jenem Abend erfüllte das französische Paradoxon auf jeden Fall seinen Sinn: Erleichterte Zustimmung aus der Runde, energisches Kopfnicken, "Jaja, davon habe ich auch schon gehört!", und natürlich die einzig logische Konsequenz des Ganzen – eine neue Flasche Wein, mit welcher auf die lebenserhaltende Wirkung desselbigen angestoßen wird.

Fermentierung hin oder her – irgendwie ist Wein doch auch nur Obst,


glaubt ganz fest Ihre Yvonne Schönfelder


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (12) Seite 26