Als Silver Ager gehöre ich zu jener Bevölkerungsgruppe, die in ihrer Jugend mit der deutschen Sprache groß geworden ist. Fremdsprachen gab es überwiegend in der Schule, im Fernsehen tauchte Englisch höchstens in den Nachrichten oder im Telekolleg auf. Aber die Zeiten haben sich geändert:

Als Global Player sind wir polyglott geworden. Selbst in unserer Provinzpraxis sind mehrere Mitarbeiterinnen tätig, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft mit unseren Patienten in fünferlei Sprachen parlieren können. Für Otto Normalverbraucher hat sich der Alltag zu einem amalgamierten Globaljargon auf der Basis von Denglisch entwickelt.

Pfiffige Akzente setzen der Chat Slang und eine lebendige Jugendsprache, die in den Social Media Networks oft eine frucht- und furchtbare Symbiose eingehen. Aber wie sagte schon Ovid in seinem als tot geltenden Latein: "Tempora mutantur et nos mutamur in illis (Übersetzung: Mensch passt sich an)." Natürlich hat dieser Kommunikationstsunami auch meinen Wortschatz aufgepimpt, denn wer möchte schon als sprachlicher Neandertaler gelten? Früher fuhr ich mit meinem Auto zur Arbeit, heute cruise ich mit einem Sports Utility Vehicle (kurz: SUV) in meine Health Base (früher: Praxis), weil dort die tägliche Battle im Rahmen des hausärztlichen Settings tobt. Gemäß meinem berufsethischen Auftrag Health Care 4 U ("Health Care for you") bin ich ständig beschäftigt, mit diagnose- und therapierelevantem Decision Making zu reüssieren, um den evidence-based Guidelines unserer Scientific Community zu genügen, die Credibility hausärztlicher Profession zu wahren und einen Niveaulimbo (Jugendwort 2010) meiner Expertise zu verhindern.

Bei meinen F2F-Patienten (früher: Auge in Auge, heute: face-to-face) als coole Socke mit einer Up-to-date-Performance und professionellen Skills zu punkten, ist wichtig, weil mich sonst der eine oder andere Influencer (kein Grippekranker, wie man leichtfertigerweise annehmen würde) mit einer gehässigen Zensur in einem der berüchtigten Ausspähforen strafbelobigen könnte.

Da sind auch scheinbare Kleinigkeiten wichtig: die Länge des Fußwegs vom Parkplatz zu den Praxisräumen etwa oder das historische Entertainment unserer Retropraxis. Die abgegriffenen, manchmal schon fast historischen Yellow-Press-Exemplare (früher: Lesezirkel) in unserer Waiting Area (früher: Wartezimmer) sind natürlich ein absolutes No-Go und den gehobenen Ansprüchen der neuen Generation nicht mehr gewachsen. Das gibt Punktabzug und kann im Worst Case zum Verlust von Followern (früher: langjährige Patienten) mit der Folge eines schlechteren finanziellen Outcomes im Quartalsertrag (früher: Ebbe in der Kasse) führen.

Vollkommen geflasht von den Anforderungen der neuen Zeit bevorzuge ich deshalb am späten Nachmittag den Retreat in meinem analogen Gartenparadies, wo das regenerative Warm-up (früher: Erholung) mit Powernapping (früher: Kurzschläfchen) noch ganz ohne die aufgeblähten Speech Bubbles des Mainstreams linear erfolgen kann. So what! ;-)


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (9) Seite 85