Als kürzlich in der Tageszeitung stand, dass ein führender Gesundheitsexperte den hausärztlichen Nachwuchsmangel mit einem Imageproblem der Landärzte zu begründen glaubte, dachte ich spontan an meine ersten klinischen Schritte vor fast vierzig Jahren.

Ich hatte direkt nach dem Staatsexamen eine Ausbildung in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde begonnen, weil mich damals der Facettenreichtum, die sinnesphysiologische Bedeutung und die sowohl chirurgischen wie auch konservativen Arbeitsoptionen faszinierten. Aber schon anfänglich beschlich mich immer ein latentes medizinisches Unwohlsein, wenn fachüberschreitende Patientenprobleme auftauchten.

Ein besonderes Schlüsselerlebnis hatte ich dann bei einer nur einwöchigen Praxisvertretung in der tiefsten Provinz: War ich als Facharzteleve selbst im nächtlichen Bereitschaftsdienst in meinen Klinikmauern schon relativ sicher, so lösten die Erfahrungen dieser Woche nächtliche Transpirationsattacken bei mir aus. In acht von zehn Fällen fühlte ich mich unbehaglich, überfordert, hilflos.

Das hat mich dann dazu bewogen, die Medizin nicht am Kehlkopfunterrand enden zu lassen. Mit der Facharzturkunde im Tornister schloss ich in einem Peripheriekrankenhaus der Grundversorgung mit fachübergreifenden Nacht- und Notdiensten meine allgemeinmedizinische Ausbildung an und schließlich ab. Seitdem verstehe ich mich als medizinischer Zehnkämpfer und habe diesen Schritt bis zum heutigen Tag nicht bereut.

Fehlender Applaus, langweiliger Arbeitsalltag, Routinemedizin, Minderwertigkeitskomplexe? Fehlanzeige! Im Gegenteil: Ich schätze die respektvolle Anerkennung meiner Patienten, die mir das bunte Spektrum einer ganzheitlichen Medizin auch noch im vierten Jahrzehnt ärztlichen Tuns Tag für Tag eröffnen. Und diese von mir erlebte und gefühlte Komplexität ist durchaus messbar. Ein texanisches Autorenteam wertete vor einigen Jahren fast 30.000 Konsultationen von Hausärzten, Kardiologen und Psychiatern hinsichtlich Konsultationsgrund, nachfolgender Untersuchungen sowie resultierender Handlungsweisen aus. Das Ergebnis war und ist für mich nicht wirklich überraschend: Die Komplexität pro Stunde Hausarztdienst war um ein Drittel anspruchsvoller als beim Kardiologen und gut fünfmal komplexer als bei einem Psychiater.

Zugegeben, der hausärztliche Beruf ist nicht gerade spektakulär, weniger telegen wie der des scharfsinnigen Gerichtsmediziners und pekuniär armselig gemessen an einem Schönheitschirurgen. Doch er nährt seinen Mann, ist anspruchsvoll und nachhaltig im Stillen, ganz im Sinne von Adalbert Stifter: "Die großen Taten der Menschen sind nicht die, welche lärmen."


Das meint auch Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (13) Seite 27