Das Coronavirus und seine früheren Mitkumpane haben wegen der erforderlichen Virusetikette zur temporären Eliminierung eines in vielen westlichen Ländern traditionellen Begrüßungs- und Verabschiedungsrituals beigetragen: dem Händeschütteln. Schon die Römer taten dies und dem Apostel Paulus war es sogar wert, im Brief an die Galater darüber zu berichten.

Das Coronavirus und seine früheren Mitkumpane haben wegen der erforderlichen Virusetikette zur temporären Eliminierung eines in vielen westlichen Ländern traditionellen Begrüßungs- und Verabschiedungsrituals beigetragen: dem Händeschütteln. Schon die Römer taten dies und dem Apostel Paulus war es sogar wert, im Brief an die Galater darüber zu berichten.

Für uns Hausärzte könnte dieser Traditionswandel aber bedenkliche Folgen haben, denn wir verlieren mit der ausgestreckt hingereichten Hand und dem damit verbundenen Blickwechsel nicht nur einen Brauch, sondern auch ein diagnostisches und therapeutisches Handwerkszeug. Übelwollende Stimmen behaupten ja, dass bei manchem Kassenarzt die fragend-verbale Begrüßung ("Wie geht es Ihnen?"), der Blick in die Augen des Gegenübers und ein Händedruck im abrechnungstechnisch optimierten Sinn schon als gründliche Anamnese mit Befunderhebung interpretiert wurden. Doch ist das wirklich so falsch?

"Der Blick in die Augen … eröffnet die Vestibularisdiagnostik". So war einmal ein Fachartikel für Otoneurologie überschrieben und damit ist beileibe kein Ende erreicht: Anisokorie, Anämie, Ikterus, Hypercholesterinämie, M. Basedow oder grauer Star sind nur einige Beispiele für Blickdiagnosen im schönsten Sinne des Wortes.

Doch dieser initialdiagnostische Anschwung ist mit einem einfachen Händeschütteln noch erheblich zu steigern. Der kräftig-trockene Händedruck verrät Gesundheit, Vitalität und Willensstärke, sein schlaff-schwitziges Gegenteil kann zu negativen, somatisch wie psychopathisch konnotierten Interpretationen führen.

Und auch das ist wissenschaftlich bestens belegt. In der "Handgrip strength and mortality in the oldest old population: the Leiden 85-plus study" konnten die Autoren um C. H. Y. Ling schon 2010 belegen, dass Menschen mit schwachem Händedruck signifikant häufiger unter kardiovaskulären Krankheiten litten, kognitiv schlechter und psychisch kränker waren und dann auch eine deutlich höhere Mortalität aufwiesen als die Schraubstockschüttler. Und last not least kann der verabschiedende Händedruck beim Patienten als therapeutischer Vermittler von Kraft und Optimismus wirksam werden. Dagegen kann man doch das sanftmütige "Namaste" oder die chinesische Fußgrußvariante "Wuhan Shake" glatt vergessen, vom alternativen "Elbow bump" als Symbol unseres gegenwärtigen Zeitgeists ganz zu schweigen.

Doch bleibt es spannend, ob der abendländische Handschlag die perfiden und subversiven Tiefschläge variantenreicher Virenbanden überleben wird oder Coronavirus & Co. ihm den Garaus machen können.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (6) Seite 75