Mitnichten ist es so, dass wir als Hausärzte während unserer Arbeit niemals mit bildender Kunst konfrontiert werden. Aus mutiertem Alltag kann Kunst werden, die uns dann so unvermittelt über den Weg läuft, dass wir Mühe haben, sie als solche zu identifizieren.

So ist es unwahrscheinlich, dass Sie den Urheber der abgebildeten Schwarz-Weiß-Grafik mit dem Titel "Unlesbar" kennen, aber er hat viele Jünger und wird weltweit häufig plagiiert. Mit kühnen, zugleich harten, schweren, schwarzen Strichen hat der Künstler einen verwirrend irritierenden Vordergrund vor einem blass-grauen Hintergrund geschaffen.

Wer ist der Künstler? Möglicherweise ein Vertreter der jungen, wilden Avantgarde aus der variantenreichen Stilrichtung des Ornamental Penmanship? Was will uns dieses expressive Bild sagen und welche Symbolik verbirgt sich in ihm?

Das habe ich mich damals auch gefragt, als ich die unkontrollierte Linienführung beim Durchsehen der Praxispost erstmalig vor mir sah, am unteren Ende eines klinischen Ambulanzbriefes. Sie haben richtig gelesen: Urheber dieses respektablen grafischen Wurfs war ein Kollege mit seinem Therapievorschlag für eine Patientin mit einer Nervenläsion.

Bis vor kurzem war es mir oder einer meiner Mitarbeiterinnen nicht vergönnt, diesen handschriftlichen Vermerk zu dechiffrieren. Nach meiner schriftlichen Bitte, dem handgeschriebenen einen typografischen Befundbericht folgen zu lassen, war dann das Rätsel ("Vorverlagerung indiziert") gelöst.

Die Schaffung solcher Alltagskunstwerke durch Ärzte ist im Übrigen keine Seltenheit. Schon vor Jahren wurde in einer Untersuchung gezeigt, dass bei nur 2 % aller ärztlichen Aufzeichnungen die Schriftzüge gut, bei 42 % mäßig, bei 52 % schlecht und bei 4 % gar unlesbar waren. Nach Berechnungen des Institute of Medicine der National Academies of Sciences sterben in den USA jährlich etwa 7.000 Menschen, weil aufgrund schlecht lesbarer ärztlicher Handschriften die entsprechenden Anordnungen missverstanden würden. Nicht umsonst wird seit Jahrzehnten die sprichwörtliche Sauklaue der Ärzteschaft im Volksmund kolportiert.

Weil mir als Hausarzt die schriftlichen Mitteilungen der zu Rate gezogenen Kollegen wichtig sind, plädiere ich für eine künstlerisch zwar weniger wertvolle, aber disziplinierte und lesbare Ärztehandschrift als Gegenentwurf zu einer ausschließlich digitalen Kommunikation in der Zukunft. Es wäre doch schade um den Verlust des Kulturgutes Handschrift.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (17) Seite 87