Über allzu Menschliches wird gerne verschämt geschwiegen oder hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Deshalb soll jetzt von einem geradezu anrüchigen Thema ganz offen die Rede sein: von den Ausdünstungen und Gerüchen einzelner Mitmenschen, die sich durch diese ruchbare Qualifikation über die Jahre einen fiktiven olfaktorischen Lorbeerkranz erstunken haben.

Eine unangefochtene Favoritin unserer Praxis ist seit drei Jahrzehnten eine heute 55-jährige, eher rundliche Frau, deren Anwesenheit ich bemerke, sobald sie auch nur die Praxistüre öffnet. "Mir ist so komisch zumute, ich ahne und vermute: Heut‘ liegt was in der Luft…", hieß es vor Jahrzehnten einmal in einem gängigen Schlager. Und tatsächlich: Da liegt nicht bloß was in der Luft, da wabern süßlich schwere Schweißschwaden durch die Praxisräume.

Mitpatienten ziehen die Nase hoch und treten mehr als einen Schritt zur Seite, indigniert durch die penetrante Geruchswolke. Die Frau tut mir wirklich leid. Modifizierte Waschaktionen und zahllose Abklärungsversuche haben zu keiner Problembeseitigung geführt, so dass ich eine archaische und willentlich nicht kontrollierbare Angstreaktion vermute.

Bei Pflanzen und Tieren ist dies gut untersucht, denn die Produktion unangenehm riechender Botenstoffe soll Artgenossen warnen oder Fressfeinde vergrämen.

Nachdem eine Arztpraxis bei den meisten Menschen eher unangenehme Impressionen auslöst, könnte das Werfen olfaktorischer Nebelkerzen entwicklungsgeschichtlich begründet sein und ich denke, das muss man notgedrungen akzeptieren. Viel mehr stinken mir jene Zeitgenossen, denen das Gefühl für Körperpflege, Dentalhygiene und Wäschewechsel abhandengekommen ist und die neben einem veritablen Mehrtage-Körpergeruch die orale Ausdünstung eines ausgehungerten Löwen haben und die schmierölhaltigen Raumluftbestandteile ihres Arbeitsplatzes in die Praxisräume einschleppen.

Die Gesellschaftsfähigkeit und atmosphärische Balance meines Behandlungssalons wiederherzustellen gelingt dann nur noch durch das gleichzeitige Einschalten der Klimaanlage unter Beifügung eines ausgewählten ätherischen Raumluftsprays. Leider gibt es aber auch jene bejammernswerten Mitbürger, die als Folge einer Erkrankung oder Therapie einen sozial unverträglichen Gestank entwickeln. So wurde einer meiner Patienten durch eine ausgedehnte Operation des Naseninneren und der Nasennebenhöhlen zwar von einem Tumorleiden geheilt, verlor aber dadurch den nasalen Klimatisierungskomfort. Seitdem verströmt er einen raumgreifenden und mehr als unangenehmen, süßlich-fauligen Geruch.

Das Schicksal dieses "Empty Nose Syndroms" teilt er immerhin mit dem französischen Sonnenkönig, dem nach katastrophal verlaufenden Zahnextraktionen eine weit offene Verbindung zwischen Mund- und Nasenhöhle beschieden war. Der so entstandene nasale Foetor hat den armen König wohl zu einem schwer ertragbaren Tischnachbarn, dafür aber zu einem medizinhistorischen Markstein ärztlicher Scharlatanerie gemacht. Ein wirklicher Trost dürfte dies aber trotzdem nicht gewesen sein.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (2) Seite 77