Also lasst uns trinken! Jener Trinkappell altehrwürdiger Studentenherrlichkeit hat in diesem Sommer eine ungeahnte Aktualität erfahren. Die teils tropische Hitze hat uns die humanphysiologischen Minimalanforderungen hierfür klar vor Augen geführt. Wir sind zu zwei Dritteln aus Wasser und dieser labile Zustand muss in der Schwebe gehalten werden.

Die Auswahl der flüssigen Ersatzstoffe ist dabei so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Ich denke da an einen bemerkenswerten Gemütsathleten unter meinen Patienten, der als Totengräber seines Dorfes nur unregelmäßig arbeiten musste, sich dafür aber umso hingebungsvoller seiner persönlichen Rehydratation gewidmet hat. Sein bevorzugter Betriebsstoff war das Bier, getankt hat er in der Wirtschaft seines Dorfes, wo er quasi seinen Lebensmittelpunkt installiert hatte. Wie die Fama glaubhaft bezeugt, konnte er sich unabhängig von der herrschenden Außentemperatur an einem guten Abend bis zu 17 Halbe Weißbier einverleiben. Mindestens acht bis neun Liter Flüssigkeit also und das, ohne einmal die Toilette besuchen zu müssen. Respektabel! Dass er diese Druckbetankung zumindest mittelfristig aushielt, ist wohl nur den relativ langen Trinkabenden und der Tatsache geschuldet, dass er mineralstoffhaltiges Bier anstelle von Wasser konsumierte.

Sonst wäre es ihm vielleicht wie jener 28-jährigen Amerikanerin ergangen, die sich schon vor Jahren aufgrund einer Radiowette in nur zwei Stunden mit sieben Liter Wasser abgefüllt hatte. Ihren Wettgewinn konnte sie noch abholen, ehe sie wenig später einer Wasserintoxikation erlag. Dieser finale Ausgang war auch meinem Patienten noch weit vor dem Erreichen des Rentenalters beschieden. Außer seiner Leber streikte an seinem Lebensende überdies die Hausbank, weil sein ererbtes Hab und Gut vollständig dem Wirtschaftsleben zugeflossen war.

Trotzdem sollte man sich vor allzu schnellen Vorverurteilungen hüten. Eine rehydratationsinduzierte Vermögenskrise ist heutzutage problemlos durch den Genuss alkoholfreier Getränke zu erreichen. Man denke nur an den Hype um die aromatisierten oder anderweitig veredelten Mineralwässer, die derzeit in aller Munde und Mägen sind. Ihre Preise stehen denen von alkoholischen Getränken in keinster Weise nach. Dabei darf man als Hausarzt in unserem Land beruhigt Trinkwasser aus dem Wasserhahn empfehlen, das mehr als dreißigmal günstiger ist als selbst sehr preiswerte Mineralwässer aus der Flasche. Wer dennoch einmal für richtig viel Geld sehr nüchtern bleiben will, kann sich für schlappe 100.000 US-Dollar das angeblich teuerste Wasser der Welt aus den Bergen der Sierra Nevada kaufen: die Diamond Edition of the Luxury Collection of Beverly Hills 9OH2O, abgefüllt in einer diamantbesetzten Designerflasche mit Goldverschluss. Die Köstlichkeit wird zur ersten Verkostung von einem Wassersommelier persönlich weltweit überbracht. Na dann, Prost!


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (16) Seite 88