Fast jeder hat ihn, nicht jeder braucht ihn, doch wer ihn einmal hat, will ihn meist nicht mehr hergeben. Wen? Natürlich, den persönlichen Diener, den Johann unserer Epoche.

Die Rede ist von den Personal Digital Assistants, die weder Lohn noch Sozialversicherung brauchen. Doch dafür müssen sich diese subalternen Schaltkreishelfer den gleichen, mittlerweile weltweit häufigsten Familiennamen teilen: Smartphone.

Wie der Name suggeriert sind diese humanoiden Helfer elegant und intelligent, können sprechen und haben eine sehr berührungsempfindliche Haut. Eine Gesprächsführung ohne Johann ist inzwischen auch in der hausärztlichen Praxis fast nicht mehr möglich und die Szenen ähneln sich: Johanns Herrschaft, Mann oder Frau, meist jüngeren oder allenfalls mittleren Alters, betritt mein Sprechzimmer. Um Johann vor Schaden zu bewahren, wird er auf meinem Schreibtisch oder dem Nachbarstuhl platziert.

Während der Patient erzählt, dass er wegen eines Infektes vom Wochenenddienst Medikamente bekommen habe, wird meine Frage nach dem Namen der Präparate sofort an Johann weitergegeben. Mit einer eleganten Wischbewegung wird sein Fotoalbum geöffnet und wie von Geisterhand tauchen die Fotos der verordneten Präparate auf. Und übrigens, so der Patient weiter, habe er seit der Erkältung nicht nur einen komischen Ohrdruck, sondern höre auch schlechter. Johann konnte das bestätigen. Zu seiner Ausrüstung gehören nämlich viele Werkzeuge ("Apps"), die es ihm u. a. möglich machen, Hörprüfungen oder Sehtests durchzuführen.

Als Hausarzt könnte man da glatt neidisch werden. In dem beschriebenen Fall war es ähnlich: Auf dem betroffenen Ohr war das Gehör messbar schlechter. Krass, würden viele jetzt meinen. Aber langsam: Johann kann viel, aber in das Ohr seines Besitzers kann er dennoch nicht schauen. Das mache ich jetzt und da lacht mir auch schon ein gewaltiger, banaler Ohrpfropf entgegen. Mit leisem Feixen hole ich den raus, denn das habe ich dem Johann eben voraus.

Zweifellos hat ein elektronischer Diener auch seine guten Seiten, vor allem, wenn er für mich arbeitet. So berichtete eine meiner Patientinnen mir immer wieder, dass sie anfallsweise, vor allem nach einem stressigen Arbeitstag, unter einer gewaltigen Schwellung der Oberlippe leide. Nach ein paar Stunden sei der Spuk dann wieder weg und im Normalfall nichts mehr zu sehen.

Ich vermutete ein angioneurotisches Ödem, konnte es aber nicht beweisen. Daraufhin riet ich der Frau, im Fall der Fälle ein paar hübsche Selfies zu schießen, und einige Wochen später hatte ich den Treffer in Farbe knochenscharf auf meinem Rechner. Es war, wie schon geahnt, ein Quincke-Ödem.

Und so hat der omnipotent erscheinende Helfer nicht nur viel überflüssigen Ballast in seinen von Elektronen durchflossenen Adern, sondern unter richtiger Führung durchaus brauchbare Qualitäten. Er ist halt doch kein Mensch, nur ein Ding – und das hat ja bekanntlich immer zwei Seiten.


Das meint auch Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (15) Seite 103