"Den Göttern Weihrauch, den Menschen Lob". So tönte vormals Pythagoras, jener ehrwürdige griechische Mathematiker, der mit seiner Gleichung a2 + b2 = c2 einen Fundamentalsatz euklidischer Geometrie entdeckte. In der Folge mussten sich Generationen von Mathematikeleven in Abertausenden von Schulstunden damit herumschlagen. Doch jetzt kam Pythagoras selbst auf den Prüfstand.

Österreichische Experimentalökonomen gingen nämlich seiner Hypothese von der Wichtigkeit des Gelobtwerdens genauer auf den Grund. Reziprozität heißt das in den Sozialwissenschaften, oder simpler ausgedrückt: Wer freundlich ist, darf auch mit einer liebenswürdigen Reaktion rechnen. In einer realitätsnahen Analyse mit dem anspruchsvollen Titel "Immaterial and monetary gifts in economic transactions: evidence from the field" schickten die Forscher Studenten in großstädtische Eissalons und Kebabstände. Dort sollten sie als Kunden auftreten und entweder in neutral-unverbindlichem Ton oder verbunden mit einem anerkennenden Lob und/oder zusätzlichem Trinkgeld die jeweils gleiche Menge an Ware ordern. Im Vergleich der Portionen, die unmittelbar nach dem Kauf gewogen wurden, zeigte sich Erstaunliches: Auch bei Einkäufen in Folge waren Komplimente und Lob nicht nur dem unverbindlichen Einkaufston, sondern auch der Gabe von Trinkgeld überlegen und wurden mit einem Mehr an erhaltener Ware belohnt. Offensichtlich waren also immaterielle Ermunterungen Sachanreizen messbar überlegen.

Aber auch ohne diese Studie kommt mir das Ganze in meinem Praxisalltag sehr bekannt vor. Mal ehrlich: Wer ist denn so wenig eitel, uneigennützig und bescheiden, dass es ihn vollkommen kalt ließe, wenn das vor uns sitzende Gegenüber männlichen oder weiblichen Geschlechtes mit einem strahlenden Lächeln verkündet, dass es im weiten Umkreis, ja vielleicht europaweit, nur selten einen so gewissenhaften, diagnostisch brillanten und noch dazu so lieben Doktor gebe wie eben den gewählten Hausarzt.

Und schon ist das Ziel erreicht: Auch wenn der Heiligenschein wegen Zeitnot drückt, gibt man leicht verschämt und stark geschmeichelt selbst am Ende einer ermüdenden Sprechstunde noch einmal alles, um die vorgetragene Malaise der gesamten Sippe einschließlich des Haustiers zu durchleuchten. Wenn Sie aber denken, das ginge nur mir so, dem vermeintlichen Halbgott in Weiß, dann täuscht das sehr.

Meine Mitarbeiterinnen heißen nicht umsonst auch "Praxisperlen" – und das reizen gewiefte Patienten in allen Facetten aus. Mit Butterbrezeln, Pralinen oder einigen Portionen Eis "zur Kühlung" bringen sie unsere Perlen immer wieder zum Strahlen. Beileibe nicht wegen eines Vorteils, sondern weil sie immer so nett, fröhlich und hilfsbereit sind. Ein Schelm, wer da etwas anderes vermutet. So beweisen die Wissenschaft und das Alltagsleben, dass der alte Pythagoras wieder einmal Recht hatte: Quod erat demonstrandum.


Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (19) Seite 125