Bernd Engelmann und Günter Wallraff benannten unmittelbar nach den mythischen 1968ern mit ihrer Gesellschaftsanalyse "Ihr da oben – wir da unten" ein Unbehagen, das viele von uns Basisversorgern im übertragenen Sinn ähnlich empfinden. Gemeint sind die Respektlosigkeit vor unserer Arbeitsleistung, die perfide Nutzung unserer Mitarbeiterinnenzeit und der Verbrauch ärztlichen Arbeitsvermögens für artfremde Arbeiten durch Behörden, Versicherungen, Dienststellen oder medizinische Gesundheitsfabriken.

Ein ständiges Ärgernis: die eingeforderten Gutachten zu Ablehnungsbescheiden gesetzlicher Krankenversicherer. Diese werden meist auf der Grundlage alleiniger Akteneinsicht und ohne persönliche Untersuchung durch den Medizinischen Dienst erstellt. Um die Nerven ihrer verärgerten Kunden zu beruhigen und die eigenen zu schonen, wird von den Mitarbeitern der Krankenkassen dann erfahrungsgemäß empfohlen, Widerspruch einzulegen. Aber bitteschön mit einer fundierten hausärztlichen Stellungnahme, natürlich umsonst, in verständlichem Deutsch und mit einer wissenschaftlich ausgefeilten Argumentationskaskade zur Entwicklungshistorie des streitanhängigen Problems. In diesem Moment glaube ich schon, dass der von seinem Arbeitgeber zielführend geeichte Sozialversicherungsfachangestellte (amtliche Abkürzung: SoFa) keine wirkliche Vorstellung davon hat, dass unsere Hauptarbeitskraft auf den Kranken und seine Beschwerden fokussiert sein sollte und weniger auf das Verfassen sinnloser Schriftsätze. Auf einem ähnlich hohen Ross sitzen nicht selten die Mitarbeiter großer Kliniken, die uns Hausärzte für willige Befehlsempfänger ihrer Sonderwünsche halten.

So hatte ich erst kürzlich mit einer achtzigjährigen, multimorbiden Patientin zu tun, die auf kontinuierliche Sauerstoffzufuhr angewiesen ist und die Praxis deswegen nur mühsam aufsuchen kann. Leider hatte sich bei ihr ein schnell wachsender, möglicherweise bösartiger Tumor an der Ohrmuschel breitgemacht. Flottes Reagieren war angesagt und nach einem halben Dutzend Anrufen glückte es mir schließlich, in einem nahegelegenen Exzellenzzentrum einen ambulanten Untersuchungstermin zu ergattern. Bis dahin sollten alle Präliminarien geregelt sein: Marcumar musste abgesetzt, das "Bridging" leitliniengerecht eingeleitet und das Medikamentenregime "reevaluiert" werden.

Die organisatorische Herausforderung glückte und der Termin konnte fristgerecht gehalten werden: Die Patientin bekam ihren Operationstermin. Meine positive Stimmungslage schlug aber blitzartig um, als mir mitgeteilt wurde, die mitgegebene Kopie des vollständigen Medikamentenplans entspreche nicht der Vorlage des bundeseinheitlichen Medikationsplans und müsse neu geschrieben werden: ein Fauxpas in unserem formularfetischistischen Weltbild, sachlich aber Nonsens.

Von Hermann Löns habe ich das Büchlein "Der zweckmäßige Meyer" in meinem Regal stehen. Genauso sehe und mache ich auch meine Arbeit. Solange diese Zweckmäßigkeit meinen Patienten zugutekommt, bin ich zufrieden. Ist dies nicht der Fall, kann ich auch sehr ungemütlich werden. Aber ich denke, das ist so in Ordnung.



Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (7) Seite 100