"Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf." So heißt es in Psalm 127, der quasi dem langen, erholsamen Schlaf ein Loblied singt.

Es scheint tatsächlich so zu sein: Manche Probleme lösen sich über Nacht oder entstehen bei zunehmender Lichtverschmutzung und Dauerlichtbestrahlung in vielen Großstädten durch einen Mangel an Dunkelheit und Schlaf. Das gilt, wie die Wissenschaft innerhalb der letzten anderthalb Dekaden zunehmend deutlicher zeigen konnte, wohl auch für das Übergewicht.

Für mich als selbst Betroffenen tun sich jetzt ganz neue Perspektiven auf und ich fühle, dass meine bisherige Beratungsstrategie verkehrt war. Hatte ich bisher die antiquierte Meinung, dass Übergewicht durch eine chronische Diskrepanz von Nährstoffzufuhr und Energiebedarf entsteht, muss ich mich jetzt intensiv um die Schlafgewohnheiten meiner korpulenteren Zeitgenossen kümmern.

Das ist auch sehr viel einfacher und weniger anstrengend: keine morgendlichen Depressionsschübe mehr auf der Waage, Schluss mit schweißtreibendem Sport und ätzenden Diäten. Der Tipp: länger schlafen, vor dem Zubettgehen die Vorhänge zuziehen und das Handy mit seinem blauen LED-Schirm ausschalten. Guten Schlaf verbunden mit Gewichtsabnahme gibt es nämlich nur bei rabenschwarzer Nacht.

So kommt es dann zur Ausschüttung unseres Nachthormons Melatonin, das uns stande pede mitteilt: jetzt wird geratzt. Und schon beginnt das, worauf wir Dicken mit Sehnsucht warten: Ab jetzt wird eine ordentliche Dosis Leptin freigesetzt, das Hungergefühl unterdrückt, der knurrende Magen beruhigt.

Wenn wir also nicht schlafen, gibt es füglich kein Leptin, der Schlafgestörte pilgert frustriert zum Kühlschrank und die Folgen sind hinlänglich bekannt. Das allein reicht aber noch nicht aus. Im Tiefschlaf schüttet der Körper Wachstumshormone aus, die für uns fleißig arbeiten. Sie reparieren Zellen, straffen die Haut, stärken das Immunsystem.

Testosteron beim Mann und Progesteron bei der Frau bauen Muskeln auf und Fett ab. Na prima, werden Sie sagen, und klappt das auch wirklich? Bei Schafen konnte immerhin gezeigt werden, dass sie mehr Speck ansetzen, wenn ein Teil der Nacht zum Tag gemacht wurde. Das sind aber im Unterschied zu uns auch dumme Schafe. Wir glauben der Wissenschaft, wenn sie sogar die biblische Weisheit bestätigt und uns über allem zu einem nutzbaren Vorteil verhilft.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (11) Seite 26