Vieles schätzt man erst, wenn man es nicht mehr hat. Was vor Corona banal erschien, konnte in der Hochblüte der Krise zu einem richtigen Problem werden.

Nachdem die Salons unserer Hairstylisten anfänglich noch geöffnet waren, bescherte das Virus dieser Branche den abrupten Lock(en)down. Unter den Suchbegriffen "Männer, Haarschnitt, Anleitung" fanden sich während der Ausgangsbeschränkungen mehr als 800.000 Hilfestellungen zur haarigen Selbsthilfe, etwa doppelt so viele wie unter dem Stichwort "Glatze selber schneiden". Womit klar bewiesen ist, dass bei vorhandenem Haupthaar dem Erhalt eindeutig mehr Bedeutung zugemessen wird als dem zweckmäßigeren Schlag einer breiten Lichtung im Bereich des Mittelscheitels.

So geriet ich durch die vitale Fülle meines bislang wenig beachteten Haarwuchses in erhebliche Bedrängnis. Vorher war das ganz einfach. Der Coiffeur meines Vertrauens hat sein atelier créatif auf der gegenüberliegenden Straßenseite unserer Praxis. Genau genommen sehe ich durch das Fenster des chirurgischen Behandlungsraums die Frisierstühle des Barbiers. War ich wieder einmal fällig, genügte bis jetzt ein Blick aus besagter Luke. Bei Flaute im Salon querte ich ratzfatz die Straße und wenig später war das Werk vollbracht: nass geschnitten unter 20 Euro, in weniger als 20 Minuten, verbunden mit einem informativen Smalltalk über die aktuellen Aufreger unseres Provinzstädtchens obendrein. Als unsere Praxisputzfee meinen adretten Rasanthaarschnitt sogar mit dem Kommentar veredelte, ich sähe glatte 15 Jahre jünger aus, konnte und wollte ich nicht widersprechen.

Doch Corona ließ mich altern und meine wallend-weiße Wuschelwolle schrie nach Bändigung (Abb. 1). Cäsar hätte verächtlich nur noch von dem "capillo promisso" (frei übersetzt: zottelige Haare) gesprochen, ein Terminus, den er sonst nur für die Barbaren übrighatte. So war es auch nicht an den Haaren herbeigezogen, eine Lösung zu suchen, die einerseits für Kürzung und Ausdünnung der Haare sorgen und mich trotzdem nicht wie ein gerupftes Huhn aussehen lassen sollte.

Eine Recherche im weltweiten Netz führte mich prompt zum Effiliermesser aus rabenschwarzem Kunststoff, praktisch dem Vertikutierer der bewachsenen Kopfhaut. Ich bestellte sofort. Zwei Wochen später erhielt ich ein gepolstertes Kuvert, dem ich mit erwartungsvoll-zitternden Händen mein neues Haarschneidewunder entnehmen wollte. Doch die Enttäuschung war riesig. Durch den Transport war nicht nur das Gerät dreifach zerbrochen (Abb. 2), sondern auch meine Zuversicht auf rasche Selbsthilfe.

Nur gut, dass zwischenzeitlich wieder absehbar war, wann sich die Pforte zu meinem Figaro endlich öffnen würde. Und der muss ja schließlich auch überleben, nicht nur meine Frisur.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (9) Seite 71