Körperkult, Selbstoptimierung und plakative Performance sind Trends und Zeichen unserer Zeit. Ganz klar, dass auch wir Hausärzte täglich Zeugen dieser Entwicklung sein dürfen, bei der neben anderen Spielarten die flächendeckende Körperkolorierung in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

War das Vorhandensein von tätowierten Hautbildern früher ein gerne versteckter Hinweis auf eine jugendliche Torheit oder eine richterlich verfügte Auszeit in einer staatlichen Bewahranstalt, ist jetzt das Gegenteil der Fall. Ein junger Mensch kann innerhalb seiner Peergroup schon stigmatisiert sein, wenn Hals, Schultern, Arme oder andere Körperprovinzen naturfarben sind. Ganz im Geiste hochbezahlter Promis dürfen dann aber nicht nur der obligatorische Anker oder ein Herzchen mit dem Namen der aktuellen Favoritin hautnah verewigt sein.

Ein weltanschaulich-philosophischer Überbau, ein biographisches Narrativ oder Liebesschwüre im Partnerlook sollten mit der Tätowierung schon thematisiert werden. Bekanntermaßen hat aber jedes Ding zwei Seiten. Neben dem Verfallsdatum schwülstiger Aussagen ("Forever you") kann das bloße Älterwerden den Reiz der bunten Tattoos ernüchternd pulverisieren.

Das wurde mir kürzlich bei einer Patientin bewusst, deren gesamter Rücken vor einem Vierteljahrhundert mit einer grell-farbigen Riesenschlange überzogen worden war. Seinerzeit mag dies als Ausdruck ihrer jugendlich-wilden Geschmeidigkeit ein echter Hingucker gewesen sein, doch jetzt war nur noch peinlich, was bei der Thoraxauskultation zutage trat. Das inzwischen abgeblasste und deutlich im Querdurchmesser verbreiterte Reptil musste sich über einen Stapel zivilisatorisch bedingter Altersspeckröllchen quälen, die dadurch erst richtig auffällig wurden.

Ziemlich schmunzeln musste ich bei einem anderen Patienten, der dank seiner Obelixfigur eher den behäbigen Genießer und Couchpotatoe darstellt als den nächtlichen Traum der Frauenwelt. Als Reminiszenz an vergangene, feurigere Zeiten ist ihm ein kleiner, knallroter Teufelskopf auf dem rechten Oberarm geblieben (Abbildung), der breit grinsend zwischen seinen Sommersprossen listig hindurchlugt: Das hat wenigstens Charme.

Wem die 1,5 Quadratmeter Hautfläche zum Einfärben nicht reichen, der kann jetzt noch die 250 mm2 beider Hornhäute mit ärztlicher Hilfestellung nützen. Wie es in einer aktuellen Publikation (Case Rep Ophthalmol. 2018; 9 [1]: 35 – 42) des französischen Ophthalmologen Francis Ferrari nämlich heißt, kann er die Augenfarbe eines Menschen für 6.000 Euro pro Person beliebig modifizieren. Dabei wird mit einem Femtosekundenlaser die Cornea unter Belassung eines pupillengroßen Sichtloches unterminiert und dieser Hohlraum mit der Wunschfarbe des Kunden irreversibel und ohne Kenntnis der Spätfolgen für das Auge aufgefüllt. Ich denke, da lässt man sich leichter die Haare färben.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (3) Seite 87