Im Volksmund wird ja gerne kolportiert, dass unsereins im Laufe eines Arztlebens seinen eigenen Friedhof produziert oder beim Renteneintritt gar einige Leichen im Keller hat.

Mit den Kellerleichen ist es allerdings schwierig, weil die ländergeregelte Bestattungspflicht die Beisetzung im Eigenheim verbietet. Das war früher anders. Diese oft zitierten Toten gab es nur deshalb, weil ungetauft verstorbene Früh- oder Fehlgeburten nicht in geweihtem Boden bestattet werden durften. Um dennoch einen Schutz vor bösen Geistern zu gewähren, wurden die kleinen Körper dann heimlich im elterlichen Keller beerdigt.

Nach vieljähriger Hausarzttätigkeit habe ich zwar allerhand Karteileichen in der Praxis, aber keine Leiche im Keller. Stattdessen lebe ich mit meiner Familie seit zwanzig Jahren direkt neben dem Friedhof und kann nur Positives berichten. Die sprichwörtliche Friedhofsruhe ist nahezu unschlagbar, die Nachbarschaft ohne Konfliktpotenzial und der Schlafzimmerausblick einzigartig. Er geht nicht auf zugeparkte Grundstückseinfahrten oder die qualmende Grilleinrichtung eines Nachbarn, sondern auf den gepflegt begrünten, ultimativ letzten Ruheplatz meiner früheren Patienten.

Wenn der Arzt hinter dem Sarg seines Patienten geht, so folgt manchmal die Ursache der Wirkung, soll Robert Koch einmal festgestellt haben. Ich habe damit kein Problem, wenngleich ich die Bestattungen meiner Patienten immer gemieden habe. Allerdings weniger wegen einer vermuteten Ursache-Wirkungskette, sondern um argwöhnische Eifersüchteleien ("Schau an, bei meinem Vater war er nicht dabei, obwohl der dreißig Jahre ein treuer Patient war") unter meiner Kundschaft zu vermeiden. Rein akustisch wohne ich den meisten Leichenbegängnissen sowieso bei, denn wie könnte ich bei der samstäglichen Gartenarbeit das wehmütig über die Friedhofsmauer tönende, meist blechgeblasene "O Welt, ich muss dich lassen" überhören.

Nicht selten wird dann ein Verstorbener zu Grabe gelassen, bei dem ich noch kurz zuvor die letzte Pflicht der Leichenschau erfüllt habe. So lässt mich auch dieser letzte Lebensabschnitt meiner Patienten nicht unberührt.

Weitaus interessanter ist für mich der Fußweg durch den Friedhof selbst, der meist nur von Blätterrauschen und Kieselsteinknirschen begleitet wird. Wenngleich die Grabsteine unserer Region weniger spektakulär sind als die alpenländischen Grabtafeln (Abbildung), so bin ich als Facharzt für häufig nicht messbare oder atypische Krankheiten, ungeklärte Beziehungsprobleme oder gescheiterte Lebensentwürfe an einem Ort unterwegs, an dem sich nach Siegbert Kardach entrücktes Leben im schönsten Sinn studieren und reflektieren lässt. Denn spätestens hier liegen alle, die im Leben verrückt oder auseinandergerückt waren, in Eintracht wieder beisammen.

Bild oben.: Marterl für einen wohl an einem Nieren- und Harnleiden Verstorbenen. Die mutmaßliche Nachbildung des Marterls wurde vom Autor auf der Gästetoilette eines Mindelheimer Cafés gefunden. Der Text lautet (in neuer Orthographie): "Hier ruht Matthias Spies, er starb an Harn und Gries, er war ein schlechter Brunzer, bet‘ für ihn ein Vaterunser", zu Deutsch: der Verblichene hatte Probleme beim Wasserlassen.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (3) Seite 83