Wie war die Welt von uns Hausärzten und Patienten doch früher so einfach und überschaubar. Vor fast vier Jahrzehnten machte ich als Assistenzarzt eine Praxisvertretung bei einem Landarzt klassischer Prägung. An festgelegten Nachmittagen waren in vorher bestimmten Dörfern Hausbesuche angesagt. Um Zeit und Telefonkosten zu sparen, gab es in jedem Dorf eine meist weibliche Vertrauensperson, die mit dem Doktor Rezeptwünsche, Überweisungen oder andere Anliegen von Patienten besprach, die ihr quasi die Prokura dafür erteilt hatten.

Wenn Arbeitsaufträge vorhanden waren, hisste die "Gesundheitsmanagerin" eine gut sichtbare, rote Fahne an ihrer Haustüre. Dann war klar: Einkehrschwung am Küchentisch der ehrenamtlichen Praxishelferin bei Kaffee und Kuchen, alles wurde von Hand geschrieben, selbstverständlich ohne Laptop und portablen Drucker. Natürlich wurden da auch Themen mit etwas delikateren Inhalten verhandelt und die Diskretion war zugegeben grenzwertig.

Josef H. und Therese M. trafen sich aber sowieso regelmäßig beim Metzger, Bäcker oder in der Kirche, wo sie hinter vorgehaltener Hand oder coram publico ihre Zipperlein offenherzig diskutierten und verglichen. Jeder kannte jede(n), auch ohne Facebook, Instagram oder WhatsApp. Und: Dieses Vorgehen hat über viele Jahre bestens funktioniert.

Weil mit der Datensintflut des modernen Homo digitalis das Schiffchen Menschheit zu sinken drohte, musste nun aber eine neue Ordnung her. Ihr Name: Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), ein Wortungetüm, das zweifellos das Potenzial zum Unwort des Jahres in sich trägt. Doch wie wirkt sich diese Neuerung in der Praxis aus?

Auch wenn sich Josef H. mit Bauchschmerzen krümmt oder kurzluftig kaum seinen Namen ausstoßen kann, die datenschutzrechtliche Aufklärung hat absolute Priorität. Praxisalltag: "Herr H., verantwortlich für die Verarbeitung Ihrer Daten ist die Praxis Dr. Maier, Datenschutzbeauftragter ist Herr Müller. Seine Kontaktdaten können Sie aus dem hier aufliegenden Merkblatt entnehmen. Zweck der Datenverarbeitung ist die Vorbereitung und Durchführung eines Behandlungsvertrages. Wir speichern die Daten für 10 Jahre aufgrund der Musterberufsordnung für Ärzte und des Bürgerlichen Gesetzbuches."

Spätestens jetzt ist Josef H. mit Sicherheit schon ziemlich "angefressen": "Ich will doch nur einen Termin beim Doktor." "Schon, schon", so die gestresste MFA, "das regeln wir auch gleich, aber vorher sollten Sie noch wissen, dass Sie das Recht auf Auskunft, Berichtigung, Löschung oder Einschränkung Ihrer Daten haben und, und, und …"

Dieser fiktive Dialogentwurf lässt nur erahnen, wie die neue DSGVO einen bislang gut geölten Praxisbetrieb ausbremsen kann. Ob die Unsicherheiten der Datenwelt damit nachhaltig verhindert werden oder der Bürokratiewahn einen neuen Kulminationspunkt erreicht, das wird wohl erst die Zukunft zeigen. Man kann gespannt sein, abwartende Beobachtung ist angesagt.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (12) Seite 86