Im vergangenen Herbst hatten wir über die Kritik eines Expertengremiums am Beruf des Heilpraktikers berichtet und dazu eine recht große Leserresonanz erhalten. Im Kern forderte das sog. Münsteraner Memorandum mehr oder weniger die Abschaffung des Heilpraktikerberufs. Dieser Gegenwind, der den Heilpraktikern da entgegenwehte, hat sich inzwischen wieder etwas gelegt. Und die Heilpraktikerverbände haben mit einer Umfrage geantwortet, die zeigen soll, welch großen Beitrag die Heilpraktiker für die „Volksgesundheit“ leisten. Wir werfen hier einen Blick auf die Arbeitsbedingungen von Heilpraktikern hierzulande.

Einer der Hauptkritikpunkte des Münsteraner Memorandums war, dass durch die staatliche Anerkennung von Heilpraktikern als "Heilkunde" Ausübende und durch die gesetzlich fixierte Berufsbezeichnung "Heilpraktiker" Patienten suggeriert werde, es handele sich um staatlich geprüfte Heiler, die im Grunde äquivalent zu Ärzten ausgebildet seien. Patienten könnten so leicht den Eindruck gewinnen, dass es sich bei Medizinern und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen handele. Während die akademische Medizin auf wissenschaftlichen Fakten beruhe und nach begründetem Fortschritt strebe, seien Heilpraktiker in der sogenannten "Komplementären und Alternativen Medizin (KAM)" verankert. Auch der Ausbildungsgang sei verschieden: Während Mediziner ein langes Studium absolvieren, sei die Ausbildung zum Heilpraktiker kurz und weitgehend unreguliert.

Entlasten Heilpraktiker das Gesundheitssystem?

Der Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH) zeigte sich erschüttert über diese "undifferenzierte Darstellung unseres Berufsstands". Zwar gebe es auch unter Heilpraktikern einzelne Personen, die sich über geltendes Recht hinwegsetzen und ihre Sorgfaltspflicht verletzen, doch deshalb dürfe man nicht eine ganze Berufsgruppe unter Generalverdacht stellen. Durch den präventiven und ganzheitlichen Behandlungsansatz der Heilpraktiker werde auch das Gesundheitssystem entlastet und man arbeite nicht gegen die Schulmedizin, so der BDH.

Insofern mag es ganz interessant sein, einmal einen genaueren Blick auf die Tätigkeit und die Arbeitsbedingungen von Heilpraktikern im Allgemeinen zu werfen. Eine gute Gelegenheit dazu bietet eine repräsentative Umfrage unter mehr als 1.400 Heilpraktikern, die von den beiden größten Heilpraktikerverbänden in Auftrag gegeben worden war.

46 Millionen Patientenkontakte/Jahr

Demnach praktizieren 47.000 Heilpraktiker in Deutschland, ca. 80 % davon sind weiblich. Das Durchschnittsalter liegt bei 40 bis 60 Jahren. Fast 80 % der Heilpraktiker besitzen ein Abitur oder Fachabitur, rund 27 % verfügen über einen höheren Abschluss bis hin zum Diplom (21 %) oder Doktorgrad (2,4 %). Die überwiegende Mehrheit von 72 % arbeitet selbstständig in der eigenen Praxis in Voll- oder Teilzeit, fast 12 % sind nur nebenberuflich tätig. Dabei erweisen sich die meisten als Allroundtalente, denn Praxisführung und Praxismanagement organisieren sie größtenteils allein. 36 % der Heilpraktiker üben ihre Tätigkeit in der Großstadt aus, rund 48 % praktizieren in ländlichen Gemeinden und Kleinstädten und sehen sich hier als wichtige Ergänzung zum ersten Gesundheitsmarkt.

Hochgerechnet haben die Heilpraktiker jährlich rund 46 Millionen Patientenkontakte. Das bedeutet: Jeden Tag gehen deutschlandweit mehr als 128.000 Personen zum Heilpraktiker. In der Umfrage geben 2 von 3 Heilpraktikern an, auch sogenannte invasive Verfahren durchzuführen, wie etwa Infusionen legen, Spritzen geben oder Akupunktur und Eigenbluttherapie. Das bedeutet hochgerechnet, dass in Deutschland rund 30.000 Heilpraktiker solche Verfahren anwenden.

Die beliebtesten naturheilkundlichen Therapien bei den Heilpraktikern sind:
  • Akupunktur
  • Entgiften/Entschlacken
  • Homöopathie
  • Schmerztherapie
  • Allergiebehandlung
  • Schröpfen
  • Gesundheits- und Präventionsberatung
  • Injektionstechniken
  • Ausleitungsverfahren
  • Ernährungstherapie
sowie Phytotherapie, Therapie des Säure-Basen-Haushalts, verschiedene Wirbelsäulen- und Massagetechniken, aber auch Heilhypnose, Entspannungsmethoden und Kinesiologie.

Wer geht zum Heilpraktiker?

Laut der Umfrage sind knapp 2 Drittel der Patienten, die einen Heilpraktiker aufsuchen, weiblich. 20 % sind Kinder und Jugendliche, etwa die Hälfte der Patienten ist zwischen 30 und 60 Jahre alt, 20 % sind älter als 60. Der Bildungsgrad der Patienten ist dabei als "eher höher" einzustufen. Etwa die Hälfte der Patienten beim Heilpraktiker gilt als chronisch krank. Und ca. 2 Drittel der Patienten suchen ihren Heilpraktiker zwischen 5- und 20-mal im Jahr auf.

Über 70 % der Patienten bezahlen die Heilpraktikerbehandlung aus eigener Tasche, 10 % haben eine Zusatzversicherung, weitere 10 % sind privat versichert und ebenfalls ca. 10 % sind beihilfeberechtigt. Zum Gesamtumsatz von rund einer Milliarde Euro, die die Heilpraktiker in Deutschland jährlich einnehmen, tragen die Selbstzahler laut Umfrage hochgerechnet 531,51 Millionen Euro bei (53,2 %). 173,86 Millionen Euro (17,4 %) der Kosten tragen Private Krankenversicherungen, 155,09 Millionen Euro kommen von Zusatzversicherungen (15,5 %), und 139,54 Millionen Euro (14 %) aus der Beihilfe.

Wie viel arbeitet ein Heilpraktiker?

Während ein deutscher Hausarzt durchschnittlich 7,6 Minuten mit einem Patienten spricht, haben Heilpraktiker laut der Umfrage dafür deutlich mehr Zeit. Bei mehr als 50 % dauert die Erstanamnese über 1 Stunde, bei 35 % sind es 30 bis 60 Minuten und bei 10 % zumindest 15 bis 30 Minuten. Erlauben können sich die Heilpraktiker diese langen Sprechzeiten, weil je ungefähr 20 % nur an 2, 3, 4 oder einige dann doch auch an 5 Tagen in der Woche arbeiten und in diesem Zeitraum im Schnitt 6 bis 40 Patienten sehen. Bei etablierten Heilpraktikerpraxen arbeiten 71 % 3 bis 5 Tage pro Woche und behandeln zwischen 12 und 25 Patienten.

Was verdient ein Heilpraktiker eigentlich?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, was sich schon aus den sehr unterschiedlichen Arbeitszeiten ergibt. 64 % der Heilpraktiker rechnen jedenfalls nach einem individuellen Stundensatz ab, 26 % richten sich nach der Gebührenordnung für Heilpraktiker (GebüH) und der Rest rechnet analog der GOÄ oder anders ab. Die Spanne der individuellen Honorare reicht dabei von mindestens 40 Euro bis zu 150 Euro. Als durchschnittliches Honorar ergab sich aus der Umfrage ein Stundensatz von 60 bis 80 Euro.

Der Durchschnitts-Heilpraktiker behandelt also 3 bis 4 Patienten am Tag und nimmt dabei zwischen 180 und 240 Euro/Tag ein. Die Abweichungen nach oben und unten sind allerdings groß, bei 20 % fließen auch schon mal 500 bis 800 Euro am Tag in die Kasse. In der Umfrage ergibt sich daraus ein durchschnittlicher Jahresumsatz von 32.400 Euro bei 3 Praxistagen/Woche. Heilpraktiker, die 5 Tage pro Woche arbeiten, können aber auch auf bis zu 72.000 Euro/Jahr kommen. Reichtümer anhäufen dürften wohl die wenigsten Heilpraktiker.

Höhere Zulassungshürden

Ab dem Frühjahr 2018 sollen übrigens die Hürden für eine Zulassung als Heilpraktiker erhöht werden. Dann tritt die neue Leitlinie zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärtern in Kraft. Dadurch soll gewährleistet werden, dass der Heilpraktiker über die erforderlichen Kenntnisse verfügt, zu erkennen, wann eine ärztliche Behandlung angezeigt ist. Der Anwärter muss dann in der Lage sein, eine vollständige und umfassende Anamnese einschließlich eines psychopathologischen Befundes zu erheben. Experten bezweifeln allerdings, dass diese neuen Zulassungshürden das Verhältnis zwischen rein schulmedizinisch orientierten Ärzten und Heilpraktikern entspannen werden.




Autor:
Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (10) Seite 24-26