Heilpraktiker arbeiten mit staatlicher Lizenz im Rahmen einer Gegenwelt zur wissenschaftsorientierten Medizin. Der Dachverband der Heilpraktikerverbände schreibt, die von seinen Mitgliedern angebotene Naturheilkunde sei "grundsätzlich unabhängig von Zeitströmungen, Systemzwängen oder dem jeweils herrschenden Wissenschaftsbild". Erkenntnisfortschritt als "Zeitströmung" abzutun ist ebenso absurd wie das Behaupten kausaler Wirkungsmechanismen, die mit wissenschaftlichen Grundprinzipien nicht unter einen Hut passen, und wie der Verzicht auf Wirksamkeitsstudien. Auf Wunderglauben und damit auf reine Plazebo-Medizin zu setzen, muss selbstverständlich Privatsache der Patienten sein und bleiben – aber bitte ohne gesellschaftliche Adelung durch Sonderzulassungen, Berufslizenzen und teilweise Krankenkassen-Finanzierung!

Zudem benötigen Heilpraktiker gegenwärtig keinerlei geregelte Ausbildung, ja nicht einmal Erfahrungen mit Patienten. Zwar besuchen sie meist eine der vielen verschiedenen privaten Schulen, aber für ihre Zulassung genügt eine Prüfung, in der sie zeigen sollen, dass sie keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Das ist schon längst nicht mehr zeitgemäß.

Die 17 Autoren des "Münsteraner Memorandum Heilpraktiker" (siehe auch S. 32) haben aus diesen Gründen vorgeschlagen, den Heilpraktikerberuf entweder gänzlich abzuschaffen oder stattdessen "Fach-Heilpraktiker" als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe einzuführen. Diese Therapeuten würden nur solche Verfahren anwenden, die wissenschaftlich fundiert sind. Rein esoterische Verfahren wie Irisdiagnostik, Anthroposophie oder Homöopathie würden landen, wo sie hingehören: bei den Heilern.

Ob diese Vorschläge umgesetzt werden, ist jetzt Sache der Politik. Uns ist in jedem Falle wichtig, dass parallel auch die massiven Defizite vieler "Schulmediziner" angegangen werden. Sie müssen unbedingt wieder mehr Wert auf das Zuhören, Anteilnehmen und eine ganzheitliche Versorgung ihrer Patienten legen. Behandlungen müssen verlässlich allein nach den Maßstäben der Patientendienlichkeit vorgenommen werden. Dass hier eine der Ursachen für die ungebremste Attraktivität von Heilpraktikern auszumachen ist, liegt auf der Hand. In der Währung der Patientendienlichkeit wäre es so unglücklich wie unnötig, wenn die Heilpraktikerzunft mit ihren Verdiensten auf dem Gebiet der Empathie und Zugewandtheit einfach abgeschafft würde, ohne dass die akademische Medizin auch diese Aufgabe zufriedenstellend erfüllen könnte.



Autor:

Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert

Lehrstuhl für Medizinethik, Universität Münster
48149 Münster

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (16) Seite 5