Science Slam Sessions („Kurzvortragsturniere“) gehören inzwischen fest zum Portfolio wissenschaftlicher Veranstaltungen. Bei diesem Format sollen Ergebnisse, Erkenntnisse, Fragestellungen oder Probleme des Fachgebietes mit Ironie, Hintersinn und einem kräftigen Schuss Augenzwinkern präsentiert werden. Das folgende Gedicht wurde mit sehr viel Beifall bedacht, als es beim diesjährigen DEGAM-Kongress in Erlangen von dem langjährigen Landarzt Dr. Fritz Meyer aus Oettingen vorgetragen wurde. Dabei wurden die historische Entwicklung der Badekur, die Wünsche, Sehnsüchte und Ansprüche der Patienten und schließlich der bürokratische Aufwand eines von der Administration überforderten Hausarztes unter die Lupe genommen. Ein "tragisch" verlaufender Fall schloss das Gesagte ab. Doch weil, dem Gedanken einer Slam Session entsprechend, nicht alles ganz wörtlich genommen werden sollte, wurde das Traktat in Anlehnung an Sprache, Metrik und Reimform eines Wilhelm Busch oder Eugen Roth verfasst.

Historisches

Die Kur hat goldne Tradition,
im Altertum gab es sie schon.
Hippokrates erst, dann Galen,
goutierten es und fanden schön,
wenn sie in feinem Ambiente
zart duftend weiche Frauenhände
auf rauer Männerhaut verspürten,
sobald sie ihren Leib massierten.
Gepflegtes Umfeld, Wellness pur:
das war die erste Griechenkur.

Den Römern ging es deutlich schlechter,
sie waren Limesgrenzlandwächter
und froren dabei tüchtig, ja,
vor allem in Germania.
Die Ureinwohner, die Barbaren,
die hatten Fell und warme Waren.
Indes der römische Soldat,
der trug den Militärornat.
Ganz recht, die Minifaltenröckchen,
da froren Männer an den Glöckchen
und wenn die Kronjuwelen schmerzen,
ist ratzfatz Schluss mit derben ­ Scherzen.

Denn last not least, die Manneskraft,
sie schwindet und des Kriegers Saft,
erlöscht, mithin die Lust zum Siegen,
sie minderte sich in den Kriegen.
Beim Kriegsgott Mars, was lässt sich machen?
Sie überlegten tausend Sachen,
und bauten schließlich zum Erwärmen,
die Sanatorien und die Thermen.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert

Im späten Mittelalter dann
ging man Erholung anders an:
in Stadt und Land mit Badestuben,
mit heißen Frauen, scharfen Buben.
Gesundheit war in diesem Fall
ein Vorwand, eher marginal.
So atmet heut noch manches Haus,
den Ruch von jenem Handeln aus
und mancher Marmordenkmalstein
lädt zu Gedankenspielen ein.

Kurzum: Das Treiben wurde hipper,
die Folgen: Syphilis und Tripper.
Wie eine Springflut wüten sie,
einträglich für die Medici,
denn ganz im Geist der alten Zeit
standen die Quacksalber bereit.
Gar fleißig schmierten sie mit Queck-
silber das Leiden wohl nicht weg,
doch schloss das Quecksilber final
die Kur dann ab, zumeist letal!
Der Ruf der Kur war ruiniert,
doch wer hat sie dann renoviert?

Monsignore Kneipp

Es war und sollte wohl so sein,
ein Mann der Kirche, Kneipp allein,
selbst durch die Schwindsucht übel krank,
entdeckt die Wasserbäder, dank
der Güsse, die ihn wohl kurierten
und so von seinem Leid sanierten,
spürt er die Heilung durch Natur,
die „Cura“ wurde so zur Kur!
Darob lehrt Kneipp zunächst Bewegung,
und Augenmaß bei der Verpflegung,
Leibwickel, Güsse, Wasserbäder
und noch so manches mehr, dann später.

Von Krankheit oder dem Alltag zermürbt

Wenn man durch Leiden oder Schmerz
gebeugt wird oder gar das Herz,
den Dienst quittiert und nicht mehr tut,
dann geht es Mensch wahrhaft nicht gut.
Erst recht des Alltags Radgetriebe
zermürbt den Menschen, macht ihn ­müde.
Drum stimmungsschwer, mit festem Willen
kommt Mensch zum Arzt: „Bloß keine Pillen,
was ich jetzt brauche ist die Kur,
Herr Doktor, machen sie mal nur,
ich denke Eile ist geboten,
ich spüre kalt des Todes Boten,
sein Schatten, der bedroht mich schon“,
so fleht er mit geschwächtem Ton.

Ohne Bürokratie ist alles nichts

Was jetzt folgt ist Realsatire:
die Aktensintflut und Papiere!
Fürwahr, mit Feuer und mit Freude,
nein, nicht erst morgen, ganz klar heute
fängt Arzt mit Muster 60 an.
Fügt Blatt um Blatt geschichtet ran,
schreibt Daten, Fakten, Zahlen ein,
denn Krankheit sei sie groß noch klein,
hat, merke: Gültigkeit nur dann,
wenn man sie gut kodieren kann.
Und stimmen muss es im Gefüge,
sonst ist der Antrag eine Lüge,
wird abgelehnt und was ist dann:
Prompt geht der Spaß von vorne an!
Jetzt, um den Vorgang zu beenden,
reicht man den Antrag dem Patienten,
der dann nach Tagen oder Wochen,
die Kur bekommt, ganz wie versprochen.

Die Kur und ihre Segnungen

Hier wird der Körper repariert,
Funktionen werden generiert,
die Seele aufgebaut, gestrafft,
was schließlich Positives schafft.
So mancher Baum, erst braun, verbogen,
wird dadurch grün und hochgezogen.
Gelegentlich wirkt Kur noch nach,
viel später dann weckt sie, was brach
darniederlag, das wird aktiv:
So bleibt die Kur doch positiv,
zumindest in Erinnerung,
das ist belebend, das hält jung!

Begehrlichkeiten

Doch leider, oft nicht zu vermeiden,
erzeugt dies gern Begehrlichkeiten
bei Menschen, die Kur falsch verstehen
und sie partout als Urlaub sehen.
Doch das kann schließlich tragisch enden,
an K. aus Oe. muss ich da denken.
Der sagte nämlich unumwunden:
„Die Zeit ist reif, jetzt zu gesunden,
die Tagespflicht mit straffem Zügel,
sie stutzte mir des Lebens Flügel.“
So eine Kur ist zweifelsfrei
die Lösung, des Columbus Ei.
Tatsächlich fast wie Sommerfrische,
nur sitz‘ ich gratis dort zu Tische,
denn überdies, feixt er gelassen:
das blechen dann die Krankenkassen!
Bisher bin ich zu kurz gekommen,
so denkt er und nicht lang besonnen
eilt er mit Antrag stracks zur Kasse.
Die misst jedoch mit ihrem Maße
und mit zwei Federstrichen nur,
wird K.’s Papier Makulatur.
„So nicht“, denkt K., durch die Instanzen
geht er und lässt die Ärzte tanzen.
So nach dem zwölften Medicus
ist mit der Krankenkasse Schluss.
Er kündigt ihr und schreibt alsdann:
„Wer Beitrag zahlt, der schafft auch an!“

Oft geht es anders als erhofft

Nach höchstens zwei, drei Vierteljahren
ist K. dann doch in Kur gefahren.
Gesund, profitlich, ohne Scham,
gewiss im Recht, er glaubt daran.
Doch anders geht es, wie so oft,
vor allem anders als erhofft.
Gleich nach der Ankunft „Gott zum Gruße,
Herr K., hier gibt es keine Muße!“
Denn eisern gelte ab jetzt Kneipp:
„Den Menschen härtet, was ihn treibt!“
Doch dann, beim Frühsport,
jäher Schmerz,
neben dem Sternum, wohl vom Herz,
in Richtung Arm und in die Brust.
„Jetzt wird es ernst“, wird K. bewusst,
sein Herz das flattert ziemlich böse!
Und auch der Doktor wird nervöse,
trotzdem, mit jovialem Ton
spricht er von einer Inspektion
und dem Katheter, den man schiebe,
bei dem nur selten etwas bliebe,
ein Schaden oder gar das Ende,
etwas, das nur im Lehrbuch stände.
Drei Stunden später: Exitus!
Der Tod ging aus vom rechten Fuß,
hier kam der Herzkatheter rein
und ein Koagel, glatt, fest, klein,
schloss sich dann flugs dem Blutstrom an,
wo es in Richtung Lunge kam.
Hat eine Embolie gemacht
und K. den schnellen Tod gebracht.

Was lernen wir daraus?

Mein Resümee, was soll ich sagen?
Sei froh, hast du nichts zu beklagen
und wenn dich wirklich etwas quält,
dann lass’ dir helfen, wo es fehlt.
Bist du gesund, dann freu’ dich nur
und gönne Kranken ihre Kur!



Autor:

Fritz Meyer

Allgemeinarzt

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (18) Seite 98-100