Vor etwas mehr als 10 Jahren ging in Baden-Württemberg der Hausarztvertrag zwischen der AOK, dem Hausärzteverband und dem Mediverbund an den Start und war damit Vorreiter für die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) bundesweit. Eine aktuelle Evaluation kommt nun zu dem Schluss: Die HzV im Ländle ist ein großer Erfolg und könnte ein Modell für ein generelles freiwilliges Primärarztsystem in Deutschland sein.

Dass Wissenschaftler über eine Dekade forschen und so Langzeiteffekte erkennen können, ist im deutschen Gesundheitswesen ein absolutes Novum. Im Südwesten der Republik ist es in der Hausarztzentrierten Versorgung gelebte Realität.

Diabetiker profitieren besonders

Die Ergebnisse der Universitäten Frankfurt/Main und Heidelberg belegen: HzV-Teilnehmer werden besser versorgt, und erstmals sind auch Hinweise auf Überlebensvorteile erkennbar. Von der intensiveren Betreuung profitieren vor allem chronisch Kranke, die mit 60 % das Gros der 1,6 Millionen freiwilligen HzV-Teilnehmer stellen.

HzV in Zahlen
Derzeit nehmen knapp 5.000 Haus- und Kinderärzte und 2.500 Fachärzte und Psychotherapeuten an den Verträgen im Südwesten teil. Sie verantworten gemeinsam die Versorgung von 1,6 Millionen HzV-Versicherten und mehr als 625.000 Versicherten im gemeinsamen Facharztprogramm von AOK Baden-Württemberg und Bosch BKK.

Die Forschungsergebnisse sind denn auch schon recht beeindruckend. Verglichen wurden dafür die Daten von knapp 700.000 HzV-Versicherten mit einer ähnlich großen und ähnlich strukturierten Gruppe von Patienten in der Regelversorgung. Laut der Evaluation entfallen pro Jahr allein 1,2 Millionen unkoordinierte Facharztkontakte. Herzpatienten bleiben jährlich rund 46.000 Krankenhaustage erspart. Für Diabetiker scheinen sich die geregelten HzV-Strukturen besonders positiv auszuwirken. Die Analysen würden sehr deutlich zeigen, dass bei HzV-Patienten mit Diabetes mellitus deutlich weniger und zeitlich später schwerwiegende diabetesbedingte Komplikationen auftreten, so Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Konkret würden Diabetiker in 6 Jahren (2011 bis 2016) vor ca. 4.000 schweren Komplikationen wie Amputationen oder Schlaganfällen bewahrt.

Länger leben dank HzV

Ein sehr bemerkenswerter Effekt sei der signifikante Überlebensvorteil zugunsten der HzV-Versicherten, erklärte Prof. Dr. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg. So zeige sich bei Betrachtung des Fünfjahreszeitraums 2012 bis 2016, dass das Risiko zu versterben in der HzV geringer ist als in der Regelversorgung. Das zugrundeliegende statistische Überlebenszeitmodell weise eine Zahl von knapp 1.700 vermiedenen Todesfällen in der HzV aus. Darüber hinaus zählte man mehr als 9.000 Krankenhausaufnahmen weniger als in der Regelversorgung und Ärzte würden Arzneimittel kontrollierter einsetzen. Beides würde helfen, Kosten zu sparen, so Szecsenyi und folgerte: "HzV ist der Regelversorgung klar überlegen."

Auch Ärzte sind zufrieden

So sieht das auch Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg. Die HzV gebe nachhaltig die richtigen Antworten auf Kernprobleme der ärztlichen Selbstverwaltung. Dazu zähle vor allem eine leistungsgerechte Honorierung ohne Budgetierung, eine einfache Abrechnung, für die nur noch 2 Stunden statt 2 Tage benötigt werde, und ein verbindliches Einschreibesystem. Aus Sicht von Dietsche sei die HzV-Teilnahme außerdem ein entscheidender Wettbewerbsvorteil bei der Nachfolgeplanung. Praxen mit einem hohen Anteil an HzV-Patienten steigerten ihren Wert und seien grundsätzlich attraktiver für den Ärztenachwuchs. Sie gäben einerseits Planungssicherheit für Investitionen und laufende Kosten, andererseits fördere die HzV Teamstrukturen und arbeitsteilige Strukturen – Kriterien, die für junge Ärzte einen hohen Stellenwert hätten.

Politik fehlt es an Mut

Wenn dem so ist, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, warum sich die HzV noch nicht bundesweit durchgesetzt hat. Das liege zum einen an einigen Krankenkassen, die die HzV nach wie vor ablehnen würden. Das führe bundesweit gesehen zu einem sehr heterogenen Bild, beklagte Dr. Dietsche. Für Dr. Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, fehlt es aber vor allem auch den politisch Verantwortlichen an Mut, sich in Richtung mehr Versorgungswettbewerb zu bewegen. Die Politik habe sich seit Jahren fest in immer mehr Klein-Klein eingerichtet und greife mit Gesetzen und Vorgaben wie jetzt wieder mit dem TSVG noch tiefer in die Regulierungskiste. Dabei habe man mit der HzV doch längst den schnellen, unkomplizierten Arztzugang, die intensivere Betreuung, bessere Vergütung und die klare Aufwertung der sprechenden Medizin, so Hermann. Und das Ganze sei für die AOK sogar noch kostengünstig. So habe man 618 Millionen Euro im Jahr 2017 in die Alternative Regelversorgung, wie HzV bei der Kasse auch genannt wird, investiert. Im gleichen Zeitraum hätte die AOK Baden-Württemberg in der Regelversorgung aber glatte 50 Millionen Euro mehr ausgegeben – bei nachweisbar schlechterer Versorgung der Versicherten. Die Landes-AOK werde daher weiter in die Alternative Regelversorgung, zu der auch Verträge mit verschiedenen Facharztgruppen zählen, investieren und Innovationen fördern.

Digitalisierung soll Qualität weiter verbessern

Welche das sein werden, schilderte Dr. Norbert Smetak, stellvertretender Vorsitzender von MEDI Baden-Württemberg, und warf dabei einen Blick in die nähere Zukunft. So sollen auf Basis der bisher entwickelten und gelebten "Kultur der Zusammenarbeit" ab dem ersten Quartal 2019 zunächst mit 3 IT-Anwendungen sukzessive digitale Strukturen aufgebaut werden, um die Qualität der Alternativen Regelversorgung auch online nachhaltig zu sichern: Das sind der elektronische Arztbrief, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (E-AU) und das elektronische Medikationsdossier. Der E-Arztbrief werde erstmals klar definierte Informationen bei Überweisung und Rücküberweisung strukturiert, und damit digital verarbeitbar, in Echtzeit zur Verfügung stellen. Die E-AU vereinfache und beschleunige die Verarbeitung, sodass zum Beispiel Krankengeld noch schneller an die langzeiterkrankten Versicherten überwiesen werden könne. Und das hausärztlich koordinierte Medikationsdossier zeige allen an der Behandlung beteiligten Praxen die medikamentöse Therapie an, erläuterte Smetak. Änderungen oder Ergänzungen von Fachärzten würden so lange unter Vorbehalt angezeigt und protokolliert, bis sie vom Hausarzt bestätigt und übernommen werden.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (19) Seite 30-32