Auf der Suche nach Möglichkeiten, den Hausarztberuf bereits für Medizinstudierende erfahrbar zu machen und so womöglich für mehr Nachwuchs zu sorgen, geht man an der Universität Münster neue Wege. Dort ist jetzt eine landesweit einmalige "Campus-Praxis" an den Start gegangen, um den Studierenden die Faszination des Fachs plastisch zu veranschaulichen, ohne dass sie dafür das Uni-Gelände verlassen müssen.

Zwei Fachärztinnen für das Medizinische, dazu vier weitere Mitarbeiterinnen für Papierkram, Orga und die sonstigen Routinen: Auf den ersten Blick wirkt die sechste Etage des Büroturms an der Dieckmannstraße 200 wie eine ganz normale Hausarztpraxis – ausgenommen vielleicht der imposante Panoramablick, den man von dort auf ganz Münster und das Umland genießt.

Das eigentlich Besondere ist aber nicht die Aussicht, sondern das, was im Namen anklingt: Die "Campus-Praxis" am Rande des Stadtteils Gievenbeck ist eine Art Außenstelle der Münsterschen Universitätsmedizin: Mit ihr sollen die Allgemeinmedizin am Standort gestärkt und noch mehr Studierende für das Fach interessiert werden.

Studenten können Patienten länger begleiten

"Die Campus-Praxis ist keine Lehrpraxis im üblichen Sinne", betont der Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Dr. Bernhard Marschall: "Dass diese Einrichtung vom Universitätsklinikum Münster getragen wird und als Betriebseinheit offizieller Teil dieses Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) ist, eröffnet ganz neue Möglichkeiten." Was damit konkret gemeint ist, erläutert der Leiter des Centrums für Allgemeinmedizin (CAM) der Medizinischen Fakultät, Prof. Peter Maisel, an einem Beispiel: "Während in einem normalen Praktikum ein Studierender einen Patienten nur eine bestimmte, meist kurze Zeit lang begleiten kann, ist das hier mittels Wahlpflicht-Kursen über Monate oder noch länger möglich. Das ist gerade bei chronischen Erkrankungen eine wertvolle Option", so der Mediziner, der selbst eine Praxis betreibt. Die neue Campus-Praxis diene dazu, "hausärztliche Versorgung in die unmittelbare Erlebniswelt der Studierenden zu holen", so Maisel.

Den hausärztlichen Berufsalltag erfahren

Den zukünftigen Ärztinnen und Ärzten solle vermittelt werden, dass die Allgemeinmedizin ebenso ein klinisches Fach sei wie andere, nach denselben evidenzbasierten Kriterien arbeite und ein wichtiges Element der Universitätsmedizin darstelle. Spezielle Lehrprojekte sollen gezielt die Studierenden ansprechen und motivieren, die eine Zukunft in der Allgemeinmedizin in Erwägung ziehen. "Natürlich hoffen wir, damit auch einen Beitrag zum Abbau des Mangels an Allgemeinmedizinern zu leisten", sagt Prof. Maisel. Selbst die Technik der Campus-Praxis ist auf das dahinterstehende Konzept abgestimmt: Die Räume werden so ausgestattet, dass Übertragungen in die etwa zwei Kilometer entfernten Hörsäle möglich sind. Ein weiterer Pluspunkt: Hochschullehrern, die Allgemeinmedizin vermitteln, aber keine eigene Praxis haben, kann das CAM in der Campus-Praxis ein Betätigungsfeld bieten.

Im Grunde eine ganz normale hausärztliche Praxis

Hilfesuchende Patienten werden von dem "Hidden Curriculum", dem "versteckten Lehrplan" hinter der Campus-Praxis, wenig oder nichts merken: "Was das Medizinische betrifft, also die Diagnose, die Behandlung und die technische Ausstattung, unterscheidet sich diese Praxis in nichts von denen anderer Fachkollegen", so Maisel. Dr. Nikola Knoblauch und Dr. Alexandra Brauer, beide Fachärztinnen für Allgemeinmedizin, bieten das gesamte Spektrum der hausärztlichen allgemeinmedizinischen Versorgung mit Akut- und Langzeitversorgung von Patienten aller Altersklassen an, von DMP-Programmen über Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen, die psychosomatische Grundversorgung, die kleine Chirurgie, die Langzeit-Blutdruckmessung, den Lungenfunktionstest und die Ultraschalluntersuchung bis zu Gesundheitsförderung und Prävention. Auch die Sprechzeiten sind Standard. Allenfalls die Tatsache, dass Studierende in die Behandlung eingebunden sind, wird die Besucher an den besonderen Status der Praxis erinnern.

Bis sich die ersten Patienten in der Campus-Praxis vorstellen konnten, war es ein langer Weg: Erste Ideen entstanden schon im Zusammenhang mit dem 2008 eröffneten "Studienhospital Münster" (SHM), einem bundesweit beachteten Modellprojekt für innovative medizinische Lehre, das auch eine für Trainingszwecke nachgebaute Hausarztpraxis umfasst. In seiner direkten Nachbarschaft sollte auch eine "echte" Praxis entstehen, nach den ursprünglichen Überlegungen mit Fokus auf schweren Fällen. "Wir sind aber bald zu der Überzeugung gelangt, dass eine Praxis mit typischer Patientenklientel sinnvoller wäre im Hinblick auf die didaktischen Ziele und den späteren Berufsalltag der Studierenden", erinnert sich CAM-Vizeleiter Dr. Ralf Jendyk.

Einen Verbündeten fanden sie im damaligen Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Münster, Prof. Norbert Roeder: Er setzte sich intensiv für das Vorhaben ein und entwickelte das Konzept einer Lösung unter dem Dach des universitären MVZ. Was allerdings immer noch fehlte, war eine übernahmefähige Praxis, denn die Kassenzulassungen für den Stadtteil waren ausgereizt. Gespräche mit einer veränderungswilligen Ärztin führten schließlich zum Kauf der Campus-Praxis.

Man darf nun gespannt sein, wie sich das Modell der Campus-Praxis entwickelt und ob es womöglich beispielhaft auch für andere medizinische Fakultäten sein kann.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (9) Seite 38-40