Der drohende Hausärztemangel ist mittlerweile ins Bewusstsein der gesamten Öffentlichkeit gerückt. Überall sucht man deshalb nach Wegen, wie junge Ärztinnen und Ärzte auf´s Land gelockt werden können. Im Landkreis Gifhorn versucht man es mit einem sog. Mentorenprojekt, bei dem erfahrene Hausärzte sich der jungen Kolleg/innen annehmen. Das Projekt zeigt erste Erfolge.Eine der Mentees ist Mareike Müller. Die 34-Jährige hat Kinder und Studium parallel bewältigt, jetzt absolviert sie ihr Praktisches Jahr bei Dr. Carsten Gieseking und Dr. Bernd Roleder. Der Allgemeinarzt hat sowohl mit ihr als auch mit Dr. Gieseking über das Mentorenprojekt gesprochen:

Der Landkreis Gifhorn liegt in der Südheide und ist weites Land zwischen Wolfsburg, Hannover und Braunschweig. Kurz: Einer der typisch dörflich geprägten Landstriche, denen es zukünftig mehr und mehr an einer guten ärztlichen Versorgung fehlen könnte.

Wo man gern lebt, lässt man sich auch nieder?

Wo lebt und arbeitet man gerne? Dort, wo man sich verbunden fühlt. Diese Annahme war Anlass, im Landkreis Gifhorn ein Mentoringprojekt für Medizinstudierende ins Leben zu rufen, die in der Region aufgewachsen sind. Die Initiatorinnen des Projektes Christine Gehrmann, Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin der Stabsstelle Demografie im Landkreis Gifhorn, und Dr. Monika Kuba, Allgemeinärztin in Wesendorf, gehen davon aus: Wer hier seinen Schulabschluss macht, hat Familie und Freunde, die er nicht aus den Augen verlieren möchte. Auch nicht, wenn am Ende des Studiums die Frage auftaucht, wo man sich als Mediziner niederlässt.

Das Hausarztleben kennenlernen

Die grundsätzliche Idee ist: Studierende werden über einen längeren Zeitraum durch einen Mentor, der im Landkreis Gifhorn als Arzt oder Ärztin tätig ist, individuell begleitet. Die jungen Mediziner sollen über fachliche Kontakte den Landkreis Gifhorn als attraktives Lebens- und Arbeitsumfeld entdecken. Im Januar 2017 startete das Projekt mit einem ersten Workshop für interessierte Medizinstudierende mit der Unterstützung des Deutschen Hausärzteverbandes, Landesverband Braunschweig sowie der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Nach eineinhalb Jahren beteiligen sich schon 16 junge angehende Medizinstudierende am Mentoringprojekt. Entsprechend ließen sich 16 Ärztinnen und Ärzte im Landkreis Gifhorn als Mentoren ansprechen, um individuell mit einer Studierenden im Gespräch zu sein.

Mentoring bedeutet, die Möglichkeit zu haben, in den medizinischen Alltag einer Hausarztpraxis zu schnuppern, sich fachlich und persönlich auszutauschen und vom Netzwerk des Mentors und seiner jahrelangen Erfahrung als Allgemeinarzt zu profitieren. Die Mentoren sind Vorbilder, Berater, Wegbereiter und haben Verständnis für die Situation der Studierenden. Denn sie wissen, was es bedeutet, von der Theorie der Universität sich die Praxis der Patientengespräche zu erarbeiten.

Ergänzt werden die Mentoren-Mentee-Gespräche durch Workshops zu Themen wie "Patientengespräche", "Achtsamkeit", einen Ultraschallworkshop, Naht- und Knüpftechniken in der Chirurgie, eine Paddeltour oder "Kompetenzerfassung für Mediziner". Wichtig sind einmal im Jahr Besuche von Arztpraxen im Landkreis, bei denen die Studierenden frühzeitig erfahren können, wie vielfältig die Arbeitsstruktur von Allgemeinärzten im ländlichen Raum ist.


Frau Müller, wie haben Sie von dem Mentoringprojekt erfahren?

Mareike Müller: Der Landkreis Gifhorn hatte u. a. auf seiner Homepage für das Mentoringprojekt geworben. Ich war kurz vor der ersten Informationsveranstaltung aus ganz anderen Gründen auf der Seite des Landkreises und bin sozusagen über das Angebot „gestolpert“.

Was hat Sie gereizt, selbst an solch einem Projekt teilzunehmen?

Mareike Müller: Ich war ja bereits im 5. Studienjahr, als das Mentoringprojekt begann. Da ich mir eine Tätigkeit im niedergelassenen Bereich zu diesem Zeitpunkt schon gut vorstellen konnte, war mein Antrieb vor allem, Kontakte zu knüpfen und mehr über die Arbeitsweise und den Alltag in einer Praxis zu erfahren.

Worin sehen Sie die Vorteile eines solchen Mentoring?

Mareike Müller: Ein Vorteil liegt sicherlich darin, dass man über das ganze Studium hinweg eine feste Basis hat, mit der man in Verbindung steht, und damit einen engen Bezug zur praktischen Tätigkeit gewinnt. Insgesamt hat man die Möglichkeit, „näher dran“ zu sein. Ich habe mir vor allem am Anfang des Studiums oft einen größeren Praxisbezug gewünscht und hätte gerne mehr Möglichkeiten gehabt, die erlernten Untersuchungsmethoden zu festigen. Das Mentoring bietet da eine ganz hervorragende Möglichkeit, im Austausch mit dem Mentor die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbessern. Einen Ansprechpartner zu medizinischen Themen oder zur Planung der beruflichen Laufbahn zu haben, ist gerade für Studenten ohne Mediziner in der Familie keine Selbstverständlichkeit. Ein weiterer Vorteil ist, dass man die Möglichkeit hat, über einen langen Zeitraum die Abläufe in einer Praxis kennenzulernen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie eine Praxis funktioniert.

Wollen Sie später in einer Allgemeinarztpraxis arbeiten? Hat Sie das Mentoring in dieser Entscheidung bestärkt?

Mareike Müller: Ich kann mir sehr gut vorstellen, in einer allgemeinmedizinischen Praxis zu arbeiten. Zurzeit arbeite ich ja während des PJ in der allgemeinmedizinischen Gemeinschaftspraxis meines Mentors mit und erlebe den Praxisbetrieb als sehr angenehm. Das Mentoring hat an der Entscheidung für die Allgemeinmedizin auf jeden Fall Anteil. Ich habe den Eindruck, dass ich die Strukturen im ambulanten Bereich besser kennengelernt habe und auch die Vor- und Nachteile, die eine Niederlassung mit sich bringt, besser einschätzen kann.

Herr Dr. Gieseking, was hat Sie bewogen, sich an dem Mentoringprojekt aktiv als Mentor zu beteiligen?

Dr. Gieseking: Da ich berufspolitisch seit Jahren sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene engagiert bin, habe ich natürlich dieses regionale Projekt in meinem Landkreis sehr gern unterstützt. Lange ist die Allgemeinmedizin an vielen Studienorten vernachlässigt worden. Es ist wichtig, Studierende an die Hand zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie vielfältig die Tätigkeiten in einer Hausarztpraxis sind. Ich denke auch, dies könnte eine sehr gute Blaupause für andere Regionen im gesamten Bundesgebiet werden, um die Attraktivität der Allgemeinmedizin bei jungen Kollegen deutlicher werden zu lassen.

Worin sehen Sie dabei Ihre wichtigste Aufgabe?

Dr. Gieseking: Ich persönlich bin hier ja nur einer der Mentoren, dennoch kann ich durch meine Kontakte sicher dafür sorgen, das Projekt bekannter zu machen. Für meine Praxis sehe ich eine gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit jungen Studierenden, das Heranführen an eine Arbeit mit Spaß und Freude. Und wenn vielleicht irgendjemand meiner Mentees bei mir mit einsteigt, vielleicht sogar später die Praxis übernimmt, dann war es mehr als nur Win-win-Situation.

Könnte solch ein Mentoring auch ein Modell für andere Regionen sein, um Nachwuchs „anzulocken“ oder an eine Region zu binden?

Dr. Gieseking: Ja, unbedingt. Ich denke schon, dass durch die Partnerschaften zwischen Mentoren und „heranwachsenden“ Mediziner/innen der eine oder andere in der Region bleibt. Das ist zurzeit noch nicht evaluierbar, dazu ist das Projekt noch zu neu. Ich denke aber, dass es so kommen wird, und das würde natürlich auf andere Regionen genauso zutreffen.



Autoren:
Ulla Evers und Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (20) Seite 28-31