Steht der Mensch im Mittelpunkt der Medizin? Steht der Mensch im Mittelpunkt Ihres Arbeitens? Als ich über diese Fragen nachdachte, stolperte ich über das kleine Wörtchen "Mensch". Nicht: "Steht der Patient im Mittelpunkt?", nein, "Steht der Mensch im Mittelpunkt?"

Die ersten Patienten in der Laufbahn eines Medizinstudierenden sind nicht etwa die sorgfältig konstruierten Fälle in der Vorlesung. Meine ersten Patienten waren Freunde und Verwandte, die mir häufig zu nachtschlafender Zeit per Mail oder Smartphone Fotos von diversen Pickelchen und Kratzern schickten, mit der Bitte um sofortigen Ratschlag. Im Laufe der Zeit stieg das Ansehen im Freundeskreis und man durfte Arztbriefe übersetzen, Laborwerte erklären.

Aber wo ist da der Patient? Und viel wichtiger, wo ist da der Mensch, der uns gerade zufällig in der Rolle eines Patienten begegnet? Zu Beginn des Studiums haben wir sehr viel über unsere Erwartungen und Wünsche an das Studium und den Beruf geredet. "Ich will was mit Menschen machen", "Ich will Menschen helfen", klang es aus allen Richtungen. Im Laufe des Studiums verlieren wir diese Ziele oft aus dem Blick.

In der Anatomie lernen wir einen Menschen auf einzelne Muskeln zu reduzieren. In der Inneren Medizin lernen wir einen Menschen in die richtige Schublade einzuordnen. In der Chirurgie lernen wir, dass man im Zweifelsfall einfach was wegschneiden kann. In der Psychosomatik lernen wir zwar zuzuhören – aber bitte aus der Distanz. In unseren Praktika erfahren wir die Tücken eines auf maximale Kostensenkung gerichteten Arbeitens und erahnen einen leisen Hauch des bürokratischen Monsters, welches unaufhörlich wächst und auf uns zukommt. In all dem verirrt sich unser Geist und der Mensch verblasst in der Rolle als Patient. Das ist im Streben nach einer auf den Menschen fokussierten Medizin sicherlich nicht als wünschenswert anzusehen. Also wie bleibt der Mensch bei alledem im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns? Für die Beantwortung dieser Frage fehlt es mir eindeutig an Erfahrung. Umso mehr freue ich mich, dass der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin unter anderem diesen Konflikt ins Zentrum der Diskussion gestellt hat.

Ein kurze Anmerkung noch zum Schluss: Während meiner Praktika wurde ich von keiner anderen Fachrichtung als der Allgemeinmedizin so oft gefragt: "Wie geht es Ihnen? Was wünschen Sie sich? Was können wir verbessern?", und meist war ich wunschlos glücklich, selten konnte ich eine Kleinigkeit anmerken, aber immer fühlte ich mich sehr wertgeschätzt. Daher geht mein Appell an Sie als niedergelassene Hausärzte und Hausärztinnen: Halten Sie den Kontakt mit den Studierenden. Nur so kann man die Lehre und damit auch Ihre Zukunft aktiv und ganz nah an der Basis verbessern. Die Wertschätzung, die wir in unseren Praktika erfahren, gegenüber uns selbst, aber auch im Umgang mit den Patienten ist die beste Werbung für den Beruf, den Sie alle mit so viel Liebe ausüben.



Autorin:

Anika Beck

Bis September 2017 Medizinstudierende an der Universität Düsseldorf. Seit Oktober approbiert.
40591 Düsseldorf

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (1) Seite 5