Hausärzte stellen nur Überweisungen und AUs aus – ansonsten behandeln sie Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Die akademische Knalltüte, die das heute noch Studierenden beibringt, lade ich herzlich in meine neue Weiterbildungspraxis ein. Nach WB-Abschnitten in der Inneren Medizin, der Psychiatrie, Chirurgie und Kinderheilkunde bin ich endlich dort angekommen, wo ich hinwollte: in der Allgemeinmedizin.

Und trotz meiner klinischen Erfahrung war ich immer noch nicht ausreichend vorbereitet. Was habe ich in meiner ersten Woche gestaunt! Da wurden banale Infekte von vital bedrohlichen Verläufen unterschieden – ohne CT oder MRT, Anämien abgeklärt, Krisen aufgefangen, Medikamentenpläne ausgemistet und angepasst, schmerzhafte Rücken und Schultern behandelt, Ausschläge beurteilt, Chroniker stabilisiert – und ab und zu war tatsächlich mal jemand erkältet! Es kam keine Anämie oder ein Diabetes herein, immer war es Herr X oder Frau Y mit dieser oder jener Geschichte. Während ich in der Gebietsärzte-Medizin gelernt habe, meine Patienten in Einzelteile und Organsysteme zu zerlegen, bringt man mir in der Allgemeinmedizin nun wieder bei, den einzelnen Menschen zusammenzusetzen. Das ist anspruchsvoll, spannend und abwechslungsreich. Und es fordert mehr als die bloße Kenntnis von Leitlinien oder das Anwenden von Apparatemedizin.

Allgemeinmedizin macht nicht nur aus zerteilten Patienten wieder ganze Menschen, sie fordert den Arzt als ganze Persönlichkeit. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird reich belohnt. Immer wieder habe ich in meiner ersten Woche Sätze gehört wie: "Ihnen vertraue ich. Wir kennen uns jetzt schon so lange." Meine Weiterbilder und ihre Patienten verbinden Geschichten und gemeinsame Erlebnisse. Daraus ist ein Vertrauen entstanden, das nicht mit den Gesprächen am Krankenhausbett verglichen werden kann. Aus Diagnosen werden Menschen mit Beratungsanlässen, aus Ärzten lebenslange Begleiter. Deshalb auch der andere Fokus der DEGAM-Leitlinien: Während die HNO-Fachgesellschaft eine Leitlinie zu entzündlichen Erkrankungen der Gaumenmandel veröffentlichte, gibt es bei der DEGAM Halsschmerzen. Anstelle des Harnwegsinfekts findet sich die DEGAM-Leitlinie Brennen beim Wasserlassen. Der Fokus in der Allgemeinmedizin liegt eben nicht auf der Gaumenmandel. Hausärzte behandeln den ganzen Menschen. Allgemeinmedizin ist mehr als das Sammelsurium von Innerer Medizin oder Orthopädie. Es ist eine eigene Profession. Deshalb finden sich im Spektrum der DEGAM-Leitlinien auch Themen wie Müdigkeit, pflegende Angehörige und Beratung "Ganz am Lebensende", die man andernorts vergeblich sucht.

Warum ich Ihnen, liebe Leser, das mitteile – wo Sie es doch am besten wissen? Damit Sie verstehen, wie nötig es ist, Ihre Praxen zu öffnen: für Studierende und für begeisterungsfähige ÄrztInnen in Weiterbildung wie mich. Der Masterplan Medizinstudium 2020 sieht zukünftig eine stärkere Beteiligung der Allgemeinmedizin am PJ vor. Ich möchte Sie bitten, sich trotz überbordender Bürokratie und steigenden Patientenzahlen der Herausforderung der Studierendenausbildung zu stellen. Denn nur so können wir den medizinischen Nachwuchs für dieses einzigartige Fach begeistern – indem wir ihnen die Chance geben, die Hausarztmedizin kennenzulernen. Ich hoffe, Sie sind dabei!



Autorin:

Sandra Blumenthal


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (11) Seite 30