Bei der Umsetzung des Terminservicegesetzes ist einmal mehr das "Lemming-Prinzip" gefragt. Im Wartezimmer meiner Hausarztpraxis hängt ein Plakat, das mit Freude und Stolz das 10-jährige Bestehen der Praxis verkündet. Viele Male stand ich davor und war erstaunt, dass ich diese Zeit in unserem täglichen Verwaltungsapparat überlebt habe. Wahrscheinlich habe ich den Bürokratieirrsinn nur aufgrund meiner Liebe zum Beruf und zu meinen PatientInnen ertragen. "Eine Studie zeigt: Hausärzte sind sehr zufrieden!" Wo haben die Meinungsforscher nur diese Umfrage durchgeführt? Bei jeder Zusammenkunft von HausärztInnen wird über die steigende Arbeitsbelastung durch das undurchdringliche Wirrwarr des Abrechnungssystems, Bearbeitung von sinnfreien Krankenkassenanfragen und Umsetzung von Gesetzen gestöhnt.

Das neueste Highlight der proklamierten Alltagserleichterung respektive -beschwerung nennt sich Terminservicegesetz. Aus hausärztlicher Sicht hörte sich das erst mal sehr reizvoll an: Pro an einen Spezialisten vermittelten Termin, der innerhalb der nächsten vier Tage stattfindet, sollen wir Hausärzte ganze 10 € (vor Steuer) erhalten. Was für ein Zubrot! Und – es soll nicht im großen Topf der sog. Regelleistungsvolumina untergehen – d. h. wir bekommen das Geld für die Leistung wirklich ausbezahlt! Doch das alles ist wieder eine Mogelpackung: Es gibt gar nicht genug Geld für die Vergütung; kryptisch wird es formuliert als "Bereinigung". Die Übersetzung unserer Kassenärztlichen Vereinigung dafür lautet: "Seien Sie mal sehr, sehr konservativ mit der Angabe der Abrechnungsziffer für die Terminvermittlung. Aber formal sollten Sie mal ein, zwei dokumentieren; denn das Gesetz müssen Sie ja umsetzen." Aha – wieder mal ist das Lemming-Prinzip gefragt. Zeig mir die Klippe, ich spring mal in den Bürokratie-Moloch hinab und brech mir Kopf und Kragen. Aber diesen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand kann ich dann mittwochnachmittags erledigen – statt Hausbesuche zu machen. Doch Vorsicht, wahrscheinlich überschreite ich dann das Tageszeitprofil meiner Arbeitsleistung, was ebenfalls sanktioniert würde. Das Hamsterrad dreht sich munter weiter. Wie war das doch gleich mit der Achtsamkeit und Fürsorge für sich selbst, die wir auch unseren Patienten täglich näherbringen sollen?

Wie schön wäre es, wenn wie durch ein Wunder plötzlich keine Vergütungsziffern mehr eingetragen werden müssten, mal schlicht und einfach ein Gehalt gezahlt würde, ÄrztInnen statt Wirtschaftswissenschaftler mehr Mitspracherecht bei der Ausarbeitung neuer Richtlinien und Gesetze hätten und die Bürokratie weniger würde. Wenn ich diese gewonnene Zeit wirklich in meine Patienten investieren könnte. Dann könnte das Meinungsforschungsinstitut gerne an meine Tür klopfen und eine zufriedene Hausärztin würde öffnen. Und die Zufriedenheit der MFAs, die ebenso in diesem Strudel von wachsenden Anforderungen und Zeitdruck zu versinken drohen, würde ebenfalls steigen. Wir ÄrztInnen müssen anfangen, uns zu solidarisieren und aufzubegehren.



Autorin:

Dr. med. Regina Mertens

Hausärztin, Fachärztin für Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Infektiologie,
Tropen- und Reisemedizin (DTM & H)
44892 Bochum

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (18) Seite 5