Eigentlich sollte es unter uns Ärzten selbstverständlich sein, dass der Hausarzt den Grundversorger in der Medizin darstellt, also die primärärztliche Versorgung übernimmt. Offensichtlich ist das nicht der Fall.

In einem Schreiben an die KBV macht sich der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa) erneut für die "fachärztliche Grundversorgung" stark. Er fordert eine "Neuordnung der Trennungsbeschlüsse" zwischen haus- und fachärztlichem Versorgungsauftrag sowie eine Neudefinition der Versorgungsebenen. Auch der Bund Deutscher Internisten (BDI) hat in der letzten Ausgabe seiner Verbandszeitung gegen den Allgemeinarzt gewettert und fordert eine Öffnung des hausärztlichen Sektors. Er unterstellt uns Hausärzten, dass wir nicht kooperieren wollen und dass wir einen Alleinvertretungsanspruch hätten.

Ich frage mich, ob die Verfasser wirklich wissen, was die Tätigkeit eines Hausarztes ist und worin diese sich von der eines Facharztes unterscheidet. Grundversorgung bedeutet, einen Patienten mit seinen Erkrankungen in seinem sozialen und familiären Umfeld zu betreuen, nicht nur zu behandeln. Um die hohe Qualität der primärärztlichen Versorgung zu garantieren, braucht es den Generalisten, der eben nicht auf nur ein Organ spezialisiert ist. Und es braucht den Arzt, der Haus- oder Pflegeheimbesuche macht und somit die familiären und sozialen Bedürfnisse des Patienten kennt. Welcher Facharzt – außer dem für Allgemeinmedizin – würde das leisten können?

Grundversorgung ist eine Kernaufgabe des Hausarztes und das spiegelt sich am besten im Primärarztsystem wider: Der Patient geht zuerst zum Hausarzt, der über 80 % aller medizinischen Anliegen direkt in der Hausarztpraxis lösen kann. Grundversorgung bedeutet aber auch, zu erkennen, wann ein Facharzt hinzugezogen werden sollte. Wir entscheiden partizipativ – mit dem Patienten gemeinsam –, wann zu welchem Facharzt überwiesen wird. Hiermit geben wir dem Facharzt die Möglichkeit, auch nur die Patienten zu behandeln, die sein Fachwissen benötigen.

Alle Ärzte haben ein gemeinsames Ziel – die bestmögliche Versorgung der Patienten. Und da wird es einen Arzt geben müssen, der der erste Ansprechpartner ist, für Ärzte verschiedener Fachrichtungen, den Krankenhausarzt, den Patienten und seine Angehörigen. Das kann nur der Hausarzt als Grundversorger sein.

Wenn ich als Internistin ohne Schwerpunkt diese Statements der Fachärzte lese, frage ich mich: Warum kümmern wir uns nicht um wichtigere politische Themen? Der Hausarzt ist derjenige, der einschätzen kann, wann welche fachärztliche Expertise gebraucht wird. Er wird immer genug Patienten haben, die er in die spezielle Versorgung überweist. Da sage ich nur: "Schuster, bleib bei deinen Leisten".



Autorin:

Anke Richter

1. Vorsitzende Hausärzteverband Westfalen-Lippe
59423 Unna

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (9) Seite 03