Geriatrie ist per definitionem stets "Medizin plus". Nun kann "plus" eine additive oder eine komparative Bedeutung haben. Versteht man Geriatrie als ein Fach, das über das rein Medizinische hinausreicht und ohne Multiprofessionalität nicht zu betreiben ist, wäre dies das Additivum der Altersmedizin. Ihr Komparativum liegt in der notwendigerweise anderen Gewichtung von Organfunktionen im Alter, wie beispielsweise der Nierenfunktion.

Der alte Mensch selbst fragt stets zuerst nach seiner Lebensqualität, die überhaupt nicht optimal, sondern auf das Alltägliche bezogen funktionell zufriedenstellend sein soll. Seine Selbstorganisation und Partizipation werden von seiner Autarkie bestimmt. Und unter eben diesen Prämissen müssen die Beschwerden, die ihn in die hausärztliche Praxis führen, gewertet werden. Damit hat subjektiv betrachtet sein behandlungsbedürftiger Bluthochdruck oder sein zu hoher Blutzucker eine andere Relevanz als in jüngeren Jahren. Eine weit größere Bedeutung misst der ältere Mensch dagegen einer gestörten Funktionalität bei, beispielsweise der Mobilität, der Alltagsautonomie oder der Kognition.

Da die Geriatrie nur multiprofessionell betrieben werden kann, muss der Hausarzt problemorientiert mit den erforderlichen Professionen zusammenarbeiten. Dies beinhaltet zum einen das Management der erforderlichen Therapiewege und zum anderen die Konzentration auf das jeweilige Therapieziel. Im Weiteren sind gegebenenfalls die zuständigen Bezugspersonen, wie Angehörige oder Betreuer, einzubeziehen.

Der alte, multimorbide Patient kommt regelhaft mit einem komplexen Beschwerdebild zum Hausarzt. Hier sind Checklisten ein weiterer diagnostischer Baustein, um bei der Unschärfe geriatrischer Symptome das Versorgungs- und Qualitätsmanagement zu optimieren und das Fehlerrisiko zu minimieren. Wie jede andere Fachdisziplin verfügt auch die Geriatrie über spezifische Instrumente, die bestimmte Beschwerden und Funktionsstörungen objektiv erfassbar machen. Die Assessmentwerkzeuge des Geriaters sind im hausärztlichen Alltag bereits gut implementiert und liefern mit wenig Zeitaufwand valide Ergebnisse. Diese Assessments sind an ausgebildete Mitarbeiter delegierbar und können routinemäßig im Praxisalltag zur Anwendung kommen.

Einsatz und Auswahl der notwendigen Assessmentinstrumente hängen einerseits vom Beschwerdebild, andererseits von der Eignung des Patienten ab, sodass symptomatisch unauffällige oder Patienten im intensivpflichtigen oder terminalen Stadium ausscheiden. Dies zu entscheiden und die Ergebnisse der Assessments zu bewerten, ist stets Aufgabe des Hausarztes oder des multiprofessionellen Teams.



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Dr. med. Peter Landendörfer

Facharzt für Allgemeinmedizin, Geriatrie,
Lehrbeauftragter am Institut für Allgemeinmedizin an der TU München
91332 Heiligenstadt

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (10) Seite 5