Baden-Württemberg gilt seit Jahren als das gelobte Land für Hausärzte. Hier gibt es eine fast flächendeckende Hausarztzentrierte Versorgung (HzV), und noch dazu scheinen Hausärzteverband, Kassenärztliche Vereinigung sowie die meisten Krankenkassen scheinen alle an einem Strang zu ziehen, um die ambulante Versorgung zu verbessern. Vielleicht ist das schon des Guten zu viel, denn beim diesjährigen Hausärztetag in Stuttgart glänzten sowohl Bundes- als auch Landesgesundheitspolitiker durch Abwesenheit. Dennoch entbrannte eine spannende Diskussion um den richtigen Weg zu einer zukunftsfesten hausärztlichen Versorgung.

Gleich zu Beginn erinnerte Dr. Berthold Dietsche, der Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg, an das vor ziemlich genau 25 Jahren verabschiedete "Lahnstein-Papier". Darin war der "Kampf gegen die Ärzteschwemme" beschlossen worden. Nicht ohne Sarkasmus stellte Dietsche fest, dass dieses Ziel inzwischen wohl mehr als perfekt erreicht worden ist, "denn jetzt habe man einen Hausärztemangel zu beklagen".

Auch wenn die Gesundheitspolitik den Hausärztetag in diesem Jahr mit Nichtbeachtung straft – was in einem Jahr mit Bundestagswahl in der Tat erstaunlich ist –, so sei man doch gezwungen, über Zukunftsideen für die hausärztliche Versorgung nachzudenken, so Dietsche. Dafür hatte man sich die Versorgungsforscherin Dr. Heidrun Sturm vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Tübingen als Gastrednerin eingeladen.

Zukunftsideen aus universitärer Sicht

Frau Dr. Sturm schilderte zunächst die bestens bekannten Herausforderungen, als da sind: die ungünstige Demographie-Entwicklung, die wachsende Morbidität, der zunehmende Ärztemangel, unpassende Versorgungsstrukturen und die ständige Kostensteigerung im Gesundheitswesen. Als Lösungswege schlug sie dann eine verbesserte interdisziplinäre und sektorenübergreifende Kooperation vor, eine stärkere elektronische Vernetzung und mehr Prävention. Dabei verwies sie als Beispiel auch auf die Idee von lokalen Gesundheitszentren, wie sie vom Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen als Zukunftsmodell bereits im Jahr 2014 vorgeschlagen worden waren.

Für den Aufbau eines "High Performance"-Gesundheitssystems hatte die Versorgungsforscherin eine Reihe von Empfehlungen im Köcher:

  • So benötigt Koordination Priorität
  • Patienten mit dem größten Koordinierungsbedarf müssten identifiziert werden
  • Mehr Generalisten und Geriater müssten ausgebildet werden
  • Es gelte die Kommunikation zwischen den Leistungserbringern zu verbessern (Bsp. elektronische Patientenakte)
  • Patienten müssten aktiver in die Therapieentscheidung eingebunden werden
  • Betreuende Angehörige sollten unterstützt werden
  • Die Vergütung sollte an die höheren Koordinationsanforderungen angepasst werden
  • Sozialdienste, Reha und Langzeitbetreuung sollten in die Gesundheitsversorgung stärker integriert werden
  • Ärzte und "Clinical Leaders" müssten in die Veränderungen eingebunden werden

Als Beispiel für solch ein gut koordiniertes und funktionierendes Gesundheitssystem führte Dr. Sturm die Community Health Centers (CHC) in Kanada an. Dort würden sich alle beteiligten Professionen einmal wöchentlich treffen, um sich auszutauschen, es gebe zudem patientenbasierte Treffen, die elektronische Vernetzung sei pragmatisch gelöst, und monatlich würden strategische Überlegungen und Finanzierungsfragen im Gesamtteam des CHC diskutiert.

Alles dreht sich um den Patienten

Solche Gesundheitszentren schweben Dr. Sturm und der Robert-Bosch-Stiftung auch als Vision für Deutschland vor. Sie sollten

  • auf den regionalen Bedarf abgestimmt sein,
  • eine patientenzentrierte, koordinierte und kontinuierliche Versorgung ermöglichen,
  • Patienten dabei unterstützen, mit der Krankheit umzugehen.
  • Es sollte in multiprofessionellen Teams aller Gesundheitsberufe gearbeitet werden,
  • eHealth sollte intensiv genutzt und
  • Prävention gefördert werden.

Für Dr. Sturm steht bei allen Maßnahmen immer der Patient im Mittelpunkt. Diese patientenzentrierte Sicht aus dem Elfenbeinturm der universitären Forschung stieß bei den Vertretern der Hausärzte und der Kassenärztlichen Vereinigung allerdings nicht unbedingt auf große Gegenliebe, wie die anschließende Diskussion zeigte.

Plädoyer für die hausärztliche Versorgung – von einem Spezialisten

So stellte Dr. Norbert Metke, der Vorstandsvorsitzende der KV Baden-Württemberg und seines Zeichens Orthopäde, zunächst einmal die Frage, welche Versorgung wir uns überhaupt noch leisten können. Für Metke ist kristallklar, dass nur noch eine hausärztlich koordinierte Versorgung denkbar ist. Denn nur diese sei noch finanzierbar. Derzeit gebe es allein im Ländle jährlich 80 Millionen Krankenscheine, und mit Blick auf die Patienten meinte Metke, "jeder tappt hin, wo er will, das ist eine gewaltige Verschwendung von Ressourcen".

Ähnlich wie in der HzV fordert Metke auch im Kollektivsystem eine konsequente Patientenführung. Der Patient müsse dorthin, wo er hingehört, das gelte auch für die Spezialisten. In einem zukunftsfähigen Modell steht für Metke also der Arzt, besser noch der Hausarzt im Mittelpunkt und weniger der Patient.

Einer Substitution ärztlicher Aufgaben durch nicht-ärztliche Berufe erteilte Metke eine ganz klare Absage: "Eine gleiche Augenhöhe mit diesen nicht-ärztlichen Berufen gibt es nicht!" Und auch zum Nachwuchsproblem hat der KV-Chef dezidierte Ansichten. Um junge Ärzte wieder vermehrt zur Niederlassung zu motivieren, müsse deutlicher Druck ausgeübt werden. So könne er sich vorstellen, dass zu einem gewissen Zeitpunkt im Medizinstudium eine Entscheidung getroffen werden müsse hin zum Hausarzt oder zum Spezialisten. Aber für diejenigen, die Hausarzt werden wollen, würden dann eben deutlich mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt als für die Spezialdisziplinen. Nur so lasse sich der Hausärztemangel abwenden.

Tendenz gegen Ärzte

Auch der Vorsitzende des Mediverbunds, Dr. Werner Baumgärtner, sieht eine gefährliche Tendenz in der Gesundheitspolitik, Ärzte immer mehr aus der Patientenversorgung hinauszudrängen und stattdessen den nicht-ärztlichen Berufen eine wichtigere Rolle zuzuweisen. Tatsächlich aber müsse der Arzt und hier vor allem der Hausarzt im Mittelpunkt der Versorgung stehen. Dass die Politik jemals eine effektive Patientensteuerung in Angriff nimmt, daran glaubt Baumgärtner nicht. Dazu sei die Angst, bei Wahlen abgestraft zu werden, einfach zu groß.

Für eine vernünftige Patientensteuerung sprach sich auch Ulrich Weigeldt aus, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands (DHÄV). Darüber hinaus stört ihn aber besonders, dass die Bundesärztekammer (BÄK) ständig neue Facharztbezeichnungen erfindet. Besser wäre es, den Generalisten zu stärken und dessen Kompetenzen nicht dauernd weiter zu beschneiden, wie das derzeit gerade wieder bei der Geriatrie versucht wird. Die Hausärzte sind bereits Geriater, unterstrich auch Eberhard Mehl, der Vorstandsvorsitzende der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft (HÄVG), das stehe schon in der Weiterbildungsordnung, und eine weitere Zersplitterung des Systems brauchen wir nicht, so Mehl.

Statt Hausärztemangel nun Hausärztebedarf

Wenn es darum geht, den Hausarztberuf für angehende Mediziner attraktiv zu machen, müsse man für eine anständige Bezahlung sorgen, darin war man sich auf dem Podium einig. Jammern und Wehklagen über das Hausarztdasein sei da eher kontraproduktiv. Im Übrigen sollte man auch nicht mehr ständig von "Hausärztemangel" sprechen, sondern, so Ulrich Weigeldt, besser von "Hausärztebedarf". Das klingt doch auch schon viel positiver, da hat der DHÄV-Chef vollkommen recht.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (8) Seite 39-40