Ob eine Landarztquote eine sinnvolle Maßnahme ist, den drohenden Hausärztemangel abzufedern, ist nach wie vor umstritten. Unabhängig davon hat Nordrhein-Westfalen sie im Frühjahr als erstes Bundesland beschlossen. Jetzt liegen die Ergebnisse des ersten Auswahlverfahrens vor. Und die zeigen: Frauen werden den größten Teil der begehrten Medizinstudienplätze besetzen, und die Abiturnote spielt nur noch eine nachgeordnete Rolle.

Die Zeit dränge. Bereits heute seien mehr als die Hälfte der Hausärzte in NRW älter als 55 Jahre. Es sei also abzusehen, dass es hier in naher Zukunft zu einem Engpass kommen werde, begründete NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef-Laumann (CDU) die Entscheidung für eine Landarztquote in seinem Bundesland. NRW bilde jedes Jahr zwar rund 2.000 Ärzte aus, von denen wollen aber nur rund 10 Prozent in die Allgemeinmedizin gehen. Demgegenüber gingen jedes Jahr mehr als 400 Hausärzte in den Ruhestand, so Laumann, im Jahr 2018 seien es in NRW sogar 508 gewesen. Im Vergleich dazu habe man nur 255 neue allgemeinmedizinische Facharztanerkennungen in diesem Zeitraum gezählt.

Wer nicht liefert, muss zahlen

Das Problem liegt also auf der Hand. Und die Landarztquote soll eine Lösung bieten. Im Rahmen der Landarztquote sollen 7,6 % der an den Hochschulen des Landes verfügbaren Medizinstudienplätze an Bewerber vergeben werden, die sich verpflichten, nach dem Studium und der einschlägigen Weiterbildung für 10 Jahre in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region hausärztlich tätig zu werden. Wer den Vertrag nicht erfüllt, muss allerdings mit einer Strafzahlung in Höhe von 250.000 Euro rechnen.

Das Auswahlverfahren dafür ist recht langwierig. In der ersten Stufe wurden die Abiturdurchschnittsnote mit 30 %, der Test für Medizinische Studiengänge (TMS) mit 30 % und eine Ausbildung bzw. berufliche oder praktische Tätigkeiten mit 40 % gewichtet. In der zweiten Stufe fanden strukturierte Auswahlgespräche statt, in denen unter anderem Empathie und Sozialkompetenz der Bewerber gewichtet werden sollten.

Wer die Auserwählten für das Wintersemester 2019/2020 sind, steht nun fest. Insgesamt waren 1.312 Bewerbungen eingegangen. Fast drei Viertel der Bewerber kamen aus Nordrhein-Westfalen, der Rest lebte in anderen Bundesländern, 4 stammten aus Österreich. Davon kamen 290 in das Auswahlgespräch. Und am Ende dieses Verfahrens waren 145 Bewerber erfolgreich. Deren Alter umfasst eine Spanne von 21 bis 30 Jahre.

Die Abiturnote allein bringt´s nicht

Den wichtigsten Faktor für die Auswahl stellte offenbar der Nachweis von praktischen Ausbildungs- und Tätigkeitszeiten dar. Bis auf eine Ausnahme wurden nur solche Bewerber für die Auswahlgespräche eingeladen. Diese hatten mindestens 1,5 Jahre als Krankenpfleger (43 %), Rettungsassistent/Notfallsanitäter (18 %) Medizinische Fachangestellte (8 %) oder Physiotherapeut absolviert. Mehr als die Hälfte hatten mindestens 4 Jahre in diesen Berufen gearbeitet.

Im Gegenzug hat die Abiturnote ihre früher so dominierende Rolle verloren. So lagen die Abiturnoten bei den schließlich ausgewählten Bewerbern zwischen 1,5 und 3,2 (im Mittel 2,2). Über zwei Drittel der erfolgreichen Bewerber hatten zudem ein TMS-Ergebnis vorgelegt. Auch dies war offenbar ein Entscheidungskriterium, denn im gesamten Bewerberfeld konnten nur 26 % ein TMS-Ergebnis nachweisen.

Die Rangfolge nach den Vorleistungen konnte sich aber durch das Auswahlgespräch noch ändern. Dort ging es um die Persönlichkeit und die sozial-kommunikativen Fähigkeiten der Bewerber. Und hier schafften es immerhin noch 31, sich durch eine überzeugende Präsentation durchzusetzen, obwohl es aufgrund ihrer Vorleistungen sonst nicht gereicht hätte. Daran, dass die Medizin immer weiblicher wird, wird anscheinend auch die Landarztquote nichts ändern. Denn 63 % der erfolgreichen Bewerber sind Frauen.

Landarztquoten auf dem Vormarsch

Ähnliche Landarztquoten wurden im Lauf des Jahres auch in anderen Bundesländern beschlossen, kürzlich erst in Bayern. Kritische Stimmen, wie z. B. der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Gesundheit Prof. Ferdinand M. Gerlach, der selbst Allgemeinarzt ist, monieren, dass es wenig sinnvoll sei, junge Menschen so frühzeitig auf viele Jahre – 4 Jahre Studium, 8 Jahre Weiterbildung, 10 Jahre Pflicht-Landarzt – in ihrer Lebensplanung festlegen zu wollen. Manche befürchten auch, dass das Image des Landarztes Schaden nehmen könnte, wenn der Eindruck entstünde, dass nur Ärzte "zweiter Wahl" diese Aufgabe übernehmen. Die mit den schlechten Noten müssen eben aufs Land.

Ob man mit der Landarztquote letztlich tatsächlich das erreicht hat, was man damit bezwecken wollte, wird man erst in vielen Jahren beurteilen können. Sicherlich kann sie aber nur ein Schritt von vielen sein, um die Landarzt-Problematik zu entspannen.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (17) Seite 24-25