Seine traditionelle Frühjahrstagung veranstaltete der Deutsche Hausärzteverband (DHÄV) in diesem Jahr auf der schönen Nordseeinsel Sylt. Diskutiert wurden vor allem die gesundheitspolitischen Vorhaben, wie sie im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung niedergelegt sind, und wie sich die Hausärzte dazu positionieren wollen. Wie meist, gibt es da Licht- und Schattenseiten.

Gleich zu Beginn der Frühjahrstagung des DHÄV auf Sylt richtete Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg warme Worte an die Delegierten. Er unterstrich die herausragende Bedeutung einer flächendeckend guten Versorgung mit niedergelassenen Hausärzten und bekannte sich zu der politischen Verantwortung, entsprechende Rahmenbedingungen herzustellen. Dazu gehöre unter anderem der dringend gebotene Einstieg in die Endbudgetierung im niedergelassenen Bereich. "Wer Ärzte für eine gute Versorgung in allen Regionen gewinnen will, der muss für attraktive Rahmenbedingungen der Berufsausübung sorgen, Selbstverwaltung und Freiberuflichkeit stärken, statt sie weiter auszuhöhlen, und neue Konzepte erproben und umsetzen", so Garg.

Licht und Schatten in der Gesundheitspolitik

Für den Bundesvorsitzenden des DHÄV, Ulrich Weigeldt, war dies eine Steilvorlage. Nachdem die Bildung einer neuen Bundesregierung ein knappes halbes Jahr gebraucht hatte, dürfe jetzt keine Zeit mehr verloren werden. Noch in diesem Jahr müssten die wichtigsten Reformen für die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung in die Wege geleitet werden, forderte Weigeldt in seinem Bericht zur Lage. Grundsätzlich fänden sich im Koalitionsvertrag durchaus positive Botschaften für die hausärztliche Versorgung. So sei der Masterplan Medizinstudium 2020 noch einmal bestätigt worden, man bekenne sich seitens der Politik dazu, die Allgemeinmedizin zu stärken, und die hausärztlichen Leistungen sowie die "sprechende Medizin" sollen besser vergütet werden.

Doch ob das alles dann auch so in die Tat umgesetzt werde, das stehe noch in den Sternen. So seien beim Masterplan derzeit keine Fortschritte zu erkennen. Vielmehr verstärke sich der Gegenwind vor allem aus Richtung der Medizinischen Fakultäten. Es sei schlichtweg ein Skandal, dass sich viele Universitäten bis heute weigern, die Vorgaben der Politik umzusetzen (mehr dazu im Beitrag auf S. 31). Da könne einem schon der Kragen platzen, polterte Weigeldt. Das Thema müsse noch in diesem Jahr geklärt werden. Ohne diese Reform werde die Sicherstellung der Versorgung in strukturschwachen und ländlichen Gebieten kaum möglich sein, so Weigeldt. Die Hausärzteschaft dürfe sich also auf ihren Erfolgen nicht ausruhen und müsse weiter wachsam sein, mahnte der Hausärzte-Chef.

Doch das war es auch schon fast mit den "guten" Nachrichten aus der Gesundheitspolitik. Zu den schlechten Passagen des Koalitionsvertrags zählte Weigeldt vor allem den Vorschlag, zukünftig 25 Stunden Mindestsprechstundenzeiten anbieten zu müssen. Diese Botschaft sei geradezu ignorant. Hier werde man den Verdacht nicht los, dass sich dabei die Kassen-Lobby ungeniert ans Werk gemacht habe, lästerte er. Denn bei den Kassen herrsche offenbar eine völlige Unkenntnis über die Arbeitsbelastung der Hausärzte. Wer außer den Hausärzten mache denn Hausbesuche? Und die seien in den 25 Stunden bekanntlich gar nicht enthalten. Zudem sei es doch sehr fraglich, ob die geforderte zusätzliche Arbeit überhaupt vergütet würde. "Es ist doch geradezu skurril, dass wir in vielen Regionen Abstaffelungen hinnehmen müssen, wo doch zusätzliche Arbeit normalerweise Zuschläge auslösen müsste", so Weigeldt und forderte die Politik auf, diesen Irrweg aufzugeben.

Neues Bürokratie-Monster droht

Ein weiterer Punkt, der ihm Sorgen bereite, sei die bessere Bezahlung hausärztlicher Leistungen und der sprechenden Medizin. Im Prinzip sei das natürlich eine gute Absicht der Politik, aber das Problem werde wohl wie so oft wieder in der konkreten Umsetzung liegen, befürchtet der Hausärzte-Chef. Zu oft schon habe man die Erfahrung gemacht, dass solche Honorarzuwächse in der Maschinerie der Selbstverwaltung zermahlen würden.

Als Paradebeispiel dafür, wie gute Ideen von der Selbstverwaltung für Partikularinteressen missbraucht würden, führte Weigeldt den aktuellen Beschluss zu den Laborleistungen an. Aus der gut gemeinten Idee des Gesetzgebers, damit nicht notwendige Antibiotikaverordnungen zu reduzieren, habe die Selbstverwaltung nur wieder ein neues Bürokratie-Monster erschaffen.

Darum geht es: Um zu klären, ob ein Antibiotikum indiziert ist, kann entweder eine Bestimmung des Procalcitonin-Spiegels oder eine quantitative CRP-Bestimmung sinnvoll sein. In den Niederlanden hatte man sich für den CRP-Test entschieden, der in der Praxis durchgeführt werden kann. Damit konnte man die Antibiotikaverordnungen um 22 % verringern.

Hierzulande habe sich aber wohl die "Laborlobby" bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) voll durchgesetzt, vermutet Weigeldt. Denn es wurde vereinbart, dass ein Procalcitonin-Test veranlasst werden kann. Der aber steht im Laborkapitel und kann somit nicht in der Praxis durchgeführt werden. Das sei nun völlig praxisfern und weltfremd, so die Kritik des DHÄV-Bundesvorsitzenden. Man müsse sich das nur einmal vorstellen: "Wenn ein Patient am Freitagnachmittag in die Praxis kommt, müsste er am Montag zur Blutabnahme vorstellig werden, um dann am Dienstag oder Mittwoch zu erfahren, ob er ein Antibiotikum nehmen soll. Und es komme noch besser: Der Procalcitonin-Test sei zwar nicht zwingend vorgeschrieben, erhalte aber mit einer Sonderkennziffer den Laborbonus und sei so mit einem Regressschutz versehen. Das könne aber bedeuten: Wer den Test nicht macht und die neue Nummer nicht aufschreiben kann, gerät wegen der Antibiotikaverschreibung womöglich in Regressgefahr oder nachträglichen Erklärungsbedarf. Hinzu komme, dass der CRP-Schnelltest in der Praxis nicht einmal die Hälfte kosten würde. Weigeldts frustriertes Fazit: "Mehr Bürokratie, zusätzliche Mittel für die Labore, keinen Cent mehr für die Hausarztpraxis, und vor allem: Dem Patienten ist auch nicht geholfen!"

Nicht hinters Licht führen lassen

Warnend den Zeigefinger erhebt Weigeldt auch beim derzeit viel diskutierten Thema "Entbudgetierung" beispielsweise von Grundleistungen oder vom Erstkontakt. Sicherlich würden alle Ärzte gerne weg von der Budgetierung kommen, aber man müsse aufpassen, dass man sich hier nicht ein "trojanisches Pferd" andrehen lässt.

Denn man müsse davon ausgehen, dass die Gesamtsumme für das ambulante Honorar nicht wesentlich steigen wird. Also passiere das, was immer passiere: Die zu entbudgetierenden Leistungen würden in Summe geschätzt und um diesen Betrag werde die zur Verfügung stehende morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) bereinigt. Die Folge, so Weigeldt: Mit der Bereinigung werde nicht nur die MGV insgesamt, sondern auch die fachärztlichen und hausärztlichen Honoraranteile kleiner, da sich der Trennungsfaktor ja nicht automatisch ändere. Nicht vergessen dürfe man zudem, dass die fachärztlichen (MGV) Leistungen in der Regel deutlich höher quotiert seien. Folglich werde hier ein deutlich höheres Leistungsniveau (Einzelleistungen) dargestellt und damit werde der zu erwartende Kürzungsanteil in der MGV bei den Fachärzten durch die extrabudgetären Honorare weit überkompensiert. In Summe würden den Hausärzten wieder Honoraranteile entzogen, prophezeite der Verbandschef.

"Wir werden da höllisch aufpassen müssen und dürfen uns nicht hinters Licht führen lassen", warnte er. Er schlägt stattdessen vor, im hausärztlichen Bereich hausärztliche Leistungen zu entbudgetieren, die nicht Bestandteil von Grundleistungen wie Grundpauschale, Versichertenpauschale, Chronikerzuschlag sind, also zum Beispiel Hausbesuche, Geriatrie, Palliativmedizin oder Gesprächsleistungen. Doch dass es dazu kommt, daran glaubt der Hausärzte-Chef selbst nicht so wirklich.

Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (9) Seite 27-30