Sexuelle Übergriffe sind hoch schambesetzt und werden selten thematisiert. Viele Betroffene stellen sich auch die Frage nach der eigenen Schuld oder Mitschuld.

Deshalb werden Übergriffe und Blessuren oft verheimlicht oder vertuscht. Auch die Gesellschaft kann mit solchen Opfern schwer umgehen. Die Institutionen wollen Derartiges rein verwaltungstechnisch abarbeiten. So äußerte ein hoher Polizeibeamter im Rahmen einer Diskussionsrunde, hätte er Beweise und Zeugen, könne er gerne den möglichen Übergriffen nachgehen. Präventiv tätig werden ist seinem Denken fremd.

Häufig kommen die Opfer, wen es z.B. Flüchtlinge sind, aus Kulturkreisen, in denen Menschen nur dann den Schutz der Familie genießen, wenn sie "unversehrt" sind. Es bedeutet häufig das soziale Aus, wenn festgestellt wird, das die Integrität der Frau verletzt wurde.

Auch ein nicht unwesentlicher Teil der männlichen Bevölkerung hat sexuelle Übergriffe erlebt. Das Männerbild und die Männerrolle sind so ausgelegt, dass ein solcher Übergriff kaum ins Bild passt und deshalb selten offengelegt wird.

Die Medizin kann nur das behandeln, was bekannt ist und ans Tageslicht gelangt. Hier sind die Hausärzte gefragt. Sie nehmen eine Schlüsselstellung ein. Häufig sind sie die erste Anlaufstelle für Menschen, denen solches Leid widerfahren ist. Sie sehen das Opfer mit seinen körperlichen und seelischen Verletzungen. Veränderungen im Zeitverlauf können festgestellt werden, eine Nachfrage ist möglich, eventuell kann sogar eingegriffen werden. Körper und Seele können versorgt werden. Hinweise auf professionelle Hilfe sind möglich. Es gilt, die langfristigen Folgen solcher Übergriffe zu verhindern. Lange Zeit hat das Opfer die Kraft, die Wunden zu verdecken. Dann zeigen sich die Traumatisierungen in körperlichen und seelischen Störungen, in der oft fehlenden Bindungs- und Beziehungsfähigkeit.

Unsere Gesellschaft sollte darauf vorbereitet sein, sich der Opfer anzunehmen, ohne Wertung. Auch der Täter sollte gedacht werden, denn auch sie haben oft selbst Traumatisierungen erlebt. Das ist nicht als Entschuldigung gedacht, aber ein wirksames Vorgehen ist nur möglich, z. B. protektiv und präventiv, wenn die Täter behandelt werden.

Zurück zu den Opfern. Urologen, aber insbesondere eben auch die Hausärzte sollten in ihren Sprechstunden die Augen nach Verdachtsmomenten für sexuelle Übergriffe offenhalten und den Opfern Hilfe anbieten.



Autorin:

Dr. med. Barbara Bojack

Fachärztin für Urologie
35394 Gießen

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (4) Seite 03