Wie denken junge Medizinstudierende über das Fach Allgemeinmedizin, wenn sie es erst einmal näher kennengelernt haben? Was unterscheidet eigentlich den Allgemeinarzt vom Spezialisten? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Andrea Wittmann in ihrem Bericht über ihr Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin, das sie kürzlich im Rahmen des Medizinstudiums an der TU München in einer Allgemeinpraxis in oberpfälzischen Nittendorf absolviert hatte.

"Nach 5 min war er schon wieder fertig und angelangt hat er mich auch nicht", so berichtete mir ein Patient von seinem Facharztbesuch. Als Studentin im 10. Semester habe ich oft die Möglichkeit, den Klinikalltag kennenzulernen. Häufig präsentieren sich die Patienten bei den Spezialisten nach aufwendigen Untersuchungen bereits mit einer Verdachtsdiagnose und wollen therapiert werden. Die allgemeinmedizinische Praxis jedoch ist für sie die erste Anlaufstelle bei Schmerzen oder Beschwerden. Hier kommen sie nicht mit einer Diagnose zur Tür herein, sondern schildern dem Arzt, was sie bedrückt. Mit minimalen diagnostischen Hilfsmitteln den Patienten oftmals auch ohne exakte Diagnose zu therapieren, ist meiner Meinung nach die Königsdisziplin des ärztlichen Handelns. Ob die Atemnot von Herrn Müller nun auf seine aktuelle Erkältung zurückzuführen ist oder doch ein abwendbar gefährlicher Verlauf dahintersteckt, muss durch die Detektivarbeit des Allgemeinarztes abgeklärt werden.

Breites Spektrum an Beschwerden

Auf jegliche Beschwerden des Patienten einzugehen, ist das tägliche Brot des Hausarztes. "Also eigentlich bin ich ja wegen meiner Rückenschmerzen hier, aber vielleicht könnten Sie auch noch gleich einen Blick auf meine Zehen werfen. Wissen Sie, Herr Doktor, da juckt es in letzter Zeit immer so." Dieses Beispiel aus dem Alltag der Ausbildungspraxis zeigt sehr gut das breite Spektrum des Allgemeinarztes. Von Erkrankungen des Skelettsystems über Herz-Kreislauf-Beschwerden bis hin zu Veränderungen der Haut: Es gibt keine andere Fachrichtung, die eine solche Vielfalt an Gesundheitsstörungen behandelt.

Egal ob jung oder alt, dick oder dünn, groß oder klein: Alle kommen sie mit ihren Beschwerden in die Hausarztpraxis. Für mich war es schön zu sehen, dass der Arzt den Patienten als Ganzes, vor allem auch unter Berücksichtigung seines sozialen Umfeldes behandeln kann. So hat er immer im Hinterkopf, dass der Gewichtsverlust der 83-jährigen Frau Liedl auch trauerbedingt sein könnte. Hat sie ihren kürzlich verstorbenen Mann doch in den letzten Jahren täglich gepflegt und versorgt. Von alldem nichts wissend, ordnet ein Spezialist hier die diagnostische Abklärung der Symptome an. Nach unauffälligem Befund würde er die Dame wohl nach Hause entlassen, wo sie ab jetzt auf sich allein gestellt ist. Dem Allgemeinarzt ist aber durch das Wissen über die familiären Strukturen die Möglichkeit gegeben, über den Tellerrand hinauszublicken. Ganz nach der Handlungsmaxime von Hippokrates, den Leib nicht schlechter zu behandeln als die Seele, ist es hier wichtig, für den Patienten ein offenes Ohr zu haben und ihm einmal mehr seine komplette Aufmerksamkeit zu schenken. Dies ist ein weiterer essenzieller Punkt, der für mich den Allgemeinarzt charakterisiert.

Bindeglied zwischen Klinik und Patient

Das Leben eines Menschen zu begleiten von der Wiege bis zur Bahre, ihm in guten und schlechten Zeiten beizustehen und Ansprechpartner für alle Arten von Beschwerden zu sein – das beschreibt für mich den Facharzt für Allgemeinmedizin. Als Anlaufstelle für vielfältige Untersuchungen, diagnostische Einordnungen und Behandlungsmethoden den Überblick nicht zu verlieren und immer auf dem aktuellen Stand zu sein, mit dem Patienten aber auch über die Konsequenzen seiner Erkrankung zu sprechen, macht das Aufgabenfeld so vielfältig und abwechslungsreich. Von der Prävention über die Rehabilitation bis hin zur Palliativmedizin: Die allgemeinmedizinische Praxis ist das Bindeglied zwischen der klinischen Medizin und dem Patienten und damit unerlässlich für die Gesundheitsversorgung von heute.



Autorin:

Cand. med. Andrea Wittmann

92331 Parsberg

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (2) Seite 34-35