Drei Monate nach Bildung der Bundesregierung trafen sich im CityCube Berlin (CCB) mehr als 8.000 Entscheidungsträger aus Politik, Kliniken, Gesundheitswirtschaft, Ärzteschaft, der medizinischen Forschung, Pflege und von Kostenträgern zum 21. Hauptstadtkongress. Der stand in diesem Jahr unter dem Motto "Digitalisierung und vernetzte Gesundheit". Dass man an diesem Thema nicht mehr vorbeikomme, machte insbesondere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn deutlich.

Der überfüllte Saal bei der Eröffnungsveranstaltung zeigte, dass die digitale Revolution zumindest die Aufmerksamkeitsschwelle auch im Gesundheitswesen endgültig überschritten hat. In seinem Vortrag unter der Überschrift "Gesundheit und Pflege – was wir erreichen wollen" ließ Bundesgesundheitsminister Jens Spahn keinen Zweifel daran, dass er auf diesem Gebiet noch in der ersten Hälfte der laufenden Legislaturperiode sichtbare Fortschritte erzielen will. Spahn warnte die Institutionen des Gesundheitswesens vor weiteren Verzögerungen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens: "Die Angebote sind da oder kommen. Amazon, Google, Dr. Ed, Sie können sie alle aufzählen. Und in China übrigens passiert noch viel, viel mehr, von dem wir hier gar nichts mitkriegen", sagte er und fügte hinzu: "Es ist die Frage: Gestalten wir das oder kommt das von außen?"

eGK und mehr

Die Telematikinfrastruktur (TI) sollte seiner Ansicht nach für Anbieter medizinischer Apps geöffnet werden. Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) wäre dazu aber nicht zwangsläufig der alleinige Schlüssel. "Wer denkt, dass er die Karte braucht, weil sie noch ein Stück sicherer ist, der soll sie nutzen, aber es muss auch andere Wege geben." Die TI sollte Standards setzen, an denen sich Anbieter ausrichten könnten, um rechtssicher Anwendungen auf den Markt zu bringen. Spahn will die Zulassungsbedingungen für Apps überprüfen. Er zeigte sich allerdings skeptisch, ob die jetzt gültigen Zulassungsverfahren für Medizinprodukte auf europäischer und nationaler Ebene "der Weisheit letzter Schluss sind". Spahn drängte in diesem Zusammenhang: "Entweder gestalten wir die Digitalisierung oder wir erleiden sie." Um deutschen Start-ups eine bessere Ausgangslage zu

verschaffen, bräuchte es neben der Sicherheit, geprüfte Produkte auf der TI laufen zu lassen, auch eine Erstattungsfähigkeit durch die gesetzlichen Krankenversicherungen. Man müsse nun schauen, "ob das über den Gemeinsamen Bundesausschuss geht oder anders", lautet die versteckte Drohung an die Selbstverwaltung.

Visionen locken

Gut in das Konzept von Minister Spahn dürften die Ideen von Prof. Dr. h. c. Hasso Plattner, Gründer und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Softwarekonzerns SAP, passen. In einer Videobotschaft stellte er sein Projekt einer Health Cloud vor. Ziel der Cloud: Sämtliche diagnostischen Daten von Patienten sollen allen behandelnden Ärzten zur Verfügung stehen. Und die Cloud soll mittels Künstlicher Intelligenz (KI) neue medizinische Therapien hervorbringen. Ziel ist es für Hasso Plattner immer, durch gezielten Einsatz digitaler Technik die medizinische Behandlung zu verbessern und damit auch gleichzeitig die Kosten zu senken. Kritik übt der IT-Papst daran, dass die scharfen gesetzlichen Regelungen in Deutschland "den Einsatz digitaler Innovationen hemmen".

Arztinformationssystem: ein anspruchsvolles Vorhaben
Aufgrund des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) muss seit 2011 jedes neue Medikament in einem aufwendigen Prozess belegen, was es im Vergleich einer bereits vorhandenen Medikation kann. Ist es besser, gleich gut oder schlechter? Die Entscheidung ist Grundlage für die Preisverhandlungen zwischen Krankenkassen und dem entsprechenden Pharmaunternehmen. Bis Ende 2017 durchliefen 186 neue Wirkstoffe in 277 Verfahren eine frühe Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).

Aber welche Bedeutung hat das AMNOG für den praktischen Alltag? Das Ergebnis der Nutzenbewertung hat "auch nach sieben Beobachtungsjahren nur begrenzten Einfluss auf die Marktentwicklung neuer Wirkstoffe". Dies ist eine weitere Erkenntnis aus dem AMNOG-Report 2018, der auf dem Hauptstadtkongress diskutiert wurde. Das Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG), das im Mai 2017 in Kraft trat, hat dafür schon eine Lösung vorgegeben: die Entwicklung eines Arztinformationssystems (AIS), das die Informationen aus der frühen Nutzenbewertung den Ärzten in ihrer Praxissoftware zur Verfügung stellen soll. Wie dieses anspruchsvolle Vorhaben dann aber in der Realität aussehen soll, weiß noch niemand so ganz genau. Denn: Die dafür notwendige Rechtsverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit ist noch immer nicht erlassen worden. Bislang kenne man nur Tendenzen. So wolle der Gesetzgeber wohl auf eine reine Informationsabsicht abzielen. Die Sorgen der Ärzteschaft, dass das AIS sie in ihrer Therapiefreiheit einschränkt und zur Verordnungskontrolle instrumentalisiert wird, könnte das zumindest mindern.

Die Frage bleibt jedoch, welche Informationen im AIS den Ärzten dargebracht werden? Sollen die Beschlüsse des G-BA einfach als PDF zur Verfügung gestellt werden? Oder aufbereitet werden? Und wenn ja, in welcher Form? Birgit Fischer, die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa), etwa plädierte dafür, dem Arzt nicht nur die Hinweise aus dem G-BA, sondern auch die aus den Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften zu geben. Er müsse ja zu einer Therapieentscheidung kommen "und da zählt nicht nur die eine Evidenz, sondern es zählt auch das, was es an Erfahrungswerten und Erkenntnissen gegeben hat, die inzwischen bei Fachgesellschaften aufgearbeitet worden sind".

In Sachen AIS ist noch lange kein Machtwort gesprochen. Und das wird wohl auch noch dauern. Es warten viele Herausforderungen, die noch zu lösen sind. Experten halten eine Evaluationsphase für zwingend, bevor das AIS flächendeckend eingeführt wird, sollte es erst in einer Region ausprobiert werden.

Dr. Martin Hirsch, Enkel des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, referierte zu seiner Entwicklung Ada. Ada ist demnach eine App, die als Chat-Bot in Dialog mit dem Nutzer tritt. Sie geriert sich dabei als persönliche Gesundheitshelferin zur Abklärung körperlicher und seelischer Beschwerden. Ada erkenne als lernfähige KI heute bereits über 1.000 Krankheiten mit mehreren Milliarden Symptomkombinationen.

Medizinische Welt in der Hosentasche

Viele Gesundheitsdaten finden sich zwischenzeitlich bei vielen Menschen bereits in der Hosentasche übers Smartphone, so die Argumentation. Treiber dieser Entwicklung sind für Hirsch deshalb vor allem die Patienten. Aber auch Ärzte würden von qualifizierten Informationen, die auf einen Blick verfügbar seien, bei der Anamnese profitieren. Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, freute sich denn auch, "wenn Ada uns die medizinische Weltliteratur in der Hosentasche zur Verfügung stellt". Das Tool könne prinzipiell Ärzten wie Patienten bei der Anamnese durch Zeitersparnis nutzen.

Man konnte beim Hauptstadtkongress leicht den Eindruck gewinnen, die Digitalisierung sei ein Allheilmittel für das Gesundheitswesen oder zumindest für viele seiner Probleme. Ob sich diese Erwartungen erfüllen werden, bleibt abzuwarten.



Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (13) Seite 23-26