Ohne Zweifel sind derzeit die Digitalisierung in der Medizin und die Einführung der Telematik-Infrastruktur in aller Munde. Kaum war die Tinte der Digitalisierungsstudie der KBV getrocknet (siehe Der Allgemeinarzt 1/2019), steht der Digitalisierungsreport 2019 der DAK-Gesundheit und Springer Medizin im Fokus. Dessen Ergebnisse sind verblüffend, wenn man sich die Digitalisierung als neuen Hype unserer Gesellschaft vor Augen hält:

  • So beurteilen 71 % der Befragten den digitalen Check von Wechselwirkungen mit einer elektronischen Gesundheitskarte (eGA) positiv. Der Bekanntheitsgrad der eGA nahm im Vergleich zu 2018 um 22 Prozentpunkte auf jetzt 74 % zu. Aber: Konkret mit einer eGA zu tun haben nur 9 % (!) der Befragten.
  • Zwar können sich 62 % vorstellen, über die Nummer 116117 per Telefon, Chat oder Videokonferenz eine erste Beratung zu vermitteln, um z. B. überfüllte Notaufnahmen zu entlasten. Andererseits geben aber nur 9 % der Ärzte an, jemals bereits eine Videosprechstunde angeboten zu haben.
  • Auch mit Online-Terminvereinbarungen haben erst 45 % der Ärzte schon "konkret zu tun gehabt." 54 % – also immer noch die Mehrheit – haben davon bisher nur gehört. Den E-Arztbrief kennen 67 % und das Telekonsil 74 % lediglich vom Hörensagen.

Junge Ärzte sehen die Chancen

Doch diese eher ernüchternden digitalen Befunde können erst dann richtig bewertet werden, wenn man die junge mit der älteren Ärztegeneration vergleicht. Da sieht plötzlich alles ganz anders aus. Während 55 % der Ärzte mit 2-jähriger Berufserfahrung den Nutzen digitaler Angebote hoch bewerten, sind es bei den Ärzten mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung lediglich 25 %. Nur 8 % (!) dieser älteren Ärzte sehen darin einen ökonomischen Vorteil gepaart mit einer Zeitersparnis. Bei den jungen Ärzten sind es sechsmal so viele (47 %). Einen elektronisch geregelten Notfalldienst oder Medikations-Check oder einen Zugriff auf Daten in der E-Akte bewerten schließlich mehr als drei Viertel der jungen Ärzte positiv, bei den älteren Ärzten mit über 20 Jahren Berufserfahrung dagegen nur 39 %.

Oft fehlt es noch an den technischen Voraussetzungen

Daraus sollten nun rasch die Lehren gezogen werden. Denn es stimmt angesichts dieser Daten nicht, was der KBV-Chef Dr. Andreas Gassen generell behauptet: "Wir sind technikaffin als Berufsstand." Das ist auch kein Wunder, weil es vielfach an technischen Voraussetzungen und an datenschutzrechtlicher Klarheit fehlt und natürlich gerade hier das Honorar hinten und vorne nicht stimmt. Das muss sich rasch ändern, denn die jungen nachrückenden Ärzte sind tatsächlich technik- und damit digitalisierungsaffin.

Der elektronische Medikationsplan und die Lockerung des Fernbehandlungsverbots sind hier ein erster Schritt in die richtige Richtung. Diesem müssen aber jetzt viele weitere (weitreichende E-Gesundheitsakte, verbreitete Videosprechstunden) folgen, bspw. vor allem in abgelegenen und ärztlich unterversorgten Regionen. Denn dort könnten digitale Angebote tatsächlich zu einem Segen werden, wenn aus dem Hype endlich gelebte Praxis wird, mit der die Ärzte dann auch in jeder Hinsicht leben können, meint

Ihr
Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (4) Seite 30