Die Medizingeschichte berichtet von vielen Zufällen. Zu Recht kann man jedoch fragen, was kreisförmig um eine Stearinkerze angeordnete, wassergefüllte Glaskolben mit einer Schneekugel zu tun haben, wie sie gerade in der Vorweihnachtszeit als Geschenkartikel weit verbreitet ist. Und was bitte hat das mit Medizin zu tun?

Früher hatten Feinhandwerker wie Schuster, Schneider, Goldschmiede oder Uhrmacher häufig Arbeitsplätze, die vom Tageslicht nicht lange oder nicht ausreichend genug beleuchtet wurden. Um das nötige Licht zu bekommen, verwendeten sie deshalb einen oder mehrere mit Wasser gefüllte, farblose Glaskolben in Kugelform, die einzeln oder paarig, manchmal im Kreis angeordnet (Abbildung) das diffuse Sonnenlicht, das Licht einer Kerze oder einer Öllampe bündelten und verstärkten.

Die gefüllte Kugel wirkte wie eine bikonvexe Sammellinse, hatte aber den Vorteil, dass die Wärme der Lichtquelle vom Wasser absorbiert wurde. Das hellere Licht des Brennflecks war faktisch kalt und empfindliche Oberflächen oder Materialien konnten dadurch nicht geschädigt werden. Unter dem Begriff "Schusterkugeln" wurden sie als die "Scheinwerfer des Mittelalters" bekannt und haben selbst in der Medizin und der naturwissenschaftlichen Forschung ihre Spuren hinterlassen.

So soll schon Aranzi(o), ein italienischer Anatom des 16. Jahrhunderts, eine Schusterkugel zur Ausleuchtung und Untersuchung der Nase verwendet haben. Nur wenig später hat der englische Universalgelehrte Robert Hooke die Lichtstärke für seine damals bahnbrechenden, auflichtmikroskopischen Untersuchungen mit Hilfe einer wassergefüllten Kugel vor einer Öllampe optimiert. Dieses Wissen hat sich bis in die Neuzeit erhalten.

So betrieb der Instrumentenmechaniker Erwin Perzy gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Wien eine kleine Werkstatt. Berufsbedingt hatte er oft in Krankenhäusern zu tun und wurde deshalb gebeten, sich Gedanken über eine Verbesserung der Lichtausbeute bei den damals üblichen Kohlenfadenlampen in Operationsräumen zu machen. In der Folge experimentierte er mit Schusterkugeln. Um die Reflexionswirkung der Flüssigkeit zu erhöhen, setzte er dem Wasser Glasspäne und andere Stoffe zu, ohne Erfolg. Als er aber Grieß in das Wasser gab, hatte er das Bild langsam herabrieselnder Schneeflocken vor Augen: Die Schneekugel war geboren.

In ähnlicher Form war sie angeblich schon Jahrzehnte zuvor auf der Pariser Weltausstellung zu sehen, ist dann aber wohl in Vergessenheit geraten. Perzy war jedoch geschäftstüchtig, ließ sich seine Wiederentdeckung patentieren und wurde mit einer Schneekugelmanufaktur wohlhabend. So hat er die Lichtausbeute in den Operationssälen dieser Welt zwar nicht verbessert, aber wahrscheinlich so manches Leuchten in glänzende Kinderaugen gezaubert.

Fritz Meyer


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (20) Seite 90