Wie die Schöpfungsgeschichte zu erzählen weiß, wurde das Menschengeschlecht seit dem sündigen Turmbau zu Babel mit der babylonischen Sprachverwirrung gestraft. So wird weltweit ohne Mundarten und Regiolekte in mindestens 6.500 Sprachen parliert. Englisch, Französisch, Russisch, Rumänisch oder Italienisch zu kommunizieren, ist in unserer Praxis mittlerweile problemlos möglich, dank einer Kollegin und mehrerer Mitarbeiterinnen, die aufgrund ihrer Herkunft polyglott aufgewachsen sind. Heutzutage ein echter Vorteil.

Doch babylonische Sprachtretminen können selbst in vertrautem, heimatlichem Territorium lauern, weil das Gespräch mit Alteingesessenen dialektbedingt durchaus kryptische Züge annehmen kann. Weil sich in meiner Heimat, dem Nördlinger Ries, der schwäbisch-alemannische, bayerische und ostfränkische Zungenschlag die Hände reichen, wird noch manch altertümliche Sprachfloskel im täglichen Umgang benutzt und dadurch liebevoll konserviert. Das kann gelegentlich zu kuriosen Situationen führen.

So schrillte einmal bei mir zu nachtschlafender Zeit das Telefon, am anderen Ende die Stimme einer offensichtlich älteren und sehr aufgeregten Dame. Sie wisse nicht mehr, was sie noch tun könne, denn sie habe schon seit Stunden ein ganz fürchterliches "Bägga", das ihr keine Ruhe gönne. Ich war ratlos und überlegte fieberhaft, was das wohl sein könne. Ziemlich schlaftrunken vermutete ich zunächst einen Hörfehler, doch als die Frau das mir völlig unbekannte Wort wieder und wieder repetierte, versuchte ich zunächst, zum Grundproblem vorzustoßen.

Seit Tagen, so die Anruferin, plage sie sich schon mit einem Infekt der Atemwege herum, der eben dieses "Bägga" auslöse. Intuitiv spekulierte ich, dass es sich wohl um einen hartnäckigen Reizhusten handeln müsse. Am folgenden Tag ging ich die linguistische Analyse zur Hebung dieses dialektalen Kleinods an. Erste Hinweise fand ich in einem Nachdruck von Höflers "Krankheitsnamen-Buch" von 1899. "Pecken", so stand da, heiße in der Ursprungsbedeutung hauen, stoßen, hacken, und bei einem Kranken werde darunter der "stoßende bellende Schafhusten, ein öfters stoßweise hervorgebrachter Hustenton" verstanden. Erst mal auf der richtigen Fährte ließ ich meinem Forschungsdrang freien Lauf und erfuhr in Schmellers Bayernwörterbuch vom Anfang des 19. Jahrhunderts eine weitere Varietät: "becken, beckizen, beckßen" bedeute, "aus angegriffener Lunge viel und oft (zu) husten", lautmalerisch wohl dem Meckern einer Ziege nachempfunden, die in dieser historisch bedeutenden Dialektwortsammlung als "Beckelein" bezeichnet wird. Jetzt war der Fall geklärt und ein dunkler Fleck in meiner Dialektwortsammlung beseitigt.

So gesehen liegt Babylon oft genug schon vor der eigenen Haustüre.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (5) Seite 79