Wer Kinder hat, sollte im Garten nicht den Blauen Eisenhut pflanzen! Denn diese attraktive Staude mit ihren blauen helmartigen Blüten ist nicht nur die giftigste Pflanze Europas. Sie hat als "Mordwaffe" auch viel Leid und Tod über Menschen gebracht. Lesen Sie einen weiteren spannenden Beitrag in unserer lockeren Reihe über berühmte Arzneipflanzen.

Nach der griechischen Mythologie entstand diese Giftpflanze, als der Zeussohn Herakles den Wächter des Totenreiches, den dreiköpfigen Hund Zerberus, aus der Unterwelt auf die Erde hinaufbrachte. Vom Tageslicht geblendet, geiferte das Ungeheuer giftigen Speichel. Er fiel zur Erde und aus ihm wuchs der Eisenhut, dessen Gift alles Lebende ins Reich der Toten befördern kann.

Schon im alten Griechenland gehörten Giftmorde zum Alltag und der Handel mit Giften blühte trotz Androhung schwerster Strafen. So stand hier auf den Besitz des Aconits, des Blauen Eisenhuts, die Todesstrafe. Trotzdem lebten viele Giftmischer – es waren meistens Frauen – in der Antike gut und unangefochten, weil ihre Dienste häufig gebraucht und Giftmorde selten aufgeklärt wurden. „Schwerer ist es, Gift zu erkennen als einen Feind!“ Dieser Ausspruch des römischen Rhetoriklehrers Quintilianus (um 80 n. Chr.) verdeutlicht, dass man sich auch im antiken Rom häufig bestimmter Gifte bediente, um missliebige Personen zu beseitigen. Schon der berühmte Dichter Ovid (43 vor bis 18 n. Chr.) beschrieb den Eisenhut als das Gift, das die Stiefmütter benutzen. Der römische Satiriker Juvenal (um 60 bis 127 n. Chr.) weist auf die bevorzugte Verwendung des Aconits in der römischen Oberschicht hin: „Aconita trinkt man nicht aus irdenen Krügen. Denn nur der fürchte sie, wer einen edelsteinbesetzten Becher zum Munde führt.“ Dabei benutzte man zu verbrecherischen Zwecken die getrockneten und gepulverten Eisenhutwurzelknollen oder einen daraus hergestellten Extrakt. Um zu morden, wurde Aconitpulver auch auf Kopfkissen gestreut oder Handschuhe in einen Aconit-Extrakt getaucht.

Hexensalben und Werwölfe

Trotz seiner Giftigkeit und der damit verbundenen Gefahr verarbeitete man den Eisenhut im Mittelalter auch in Hexensalben. Rieben sich die Frauen damit ein, wirkten die Alkaloide der Nachtschattengewächse auf das Zentralnervensystem und setzten die vermeintlichen Hexen in angenehme Träume und Halluzinationen. Für die im Rausch erlebte Verwandlung in eine Katze, einen Hund oder den gefürchteten Werwolf macht die Wissenschaft heute das Aconitin verantwortlich: Es erregt zuerst die sensiblen Nervenendigungen in der Haut, anschließend lähmt es sie. Dieser Effekt kann durchaus ein Gefühl entstehen lassen, als wüchse einem ein Fell. Um einen Missbrauch zu verhindern, wurde der legale Gifthandel im Mittelalter durch strenge Bestimmungen geregelt. Sie waren Bestandteil von Apotheker-Eiden, Medizinalordnungen und Bestallungsurkunden von Apothekern.

Antidots: teuer, aber wirkungslos

Die ständige Gefahr eines Giftanschlags ließ vor allem die Herrschenden und Privilegierten frühzeitig nach Abwehrmaßnahmen gegen Gifte suchen. Denn sie waren die bevorzugten Opfer von Vergiftungen. Besonders hoch im Kurs standen die Antidota, die für horrende Summen gehandelt wurden. Antidota sollten – bei Vergiftungen eingenommen – die Wirkung des Giftes neutralisieren und damit unschädlich machen. Die wissenschaftliche Untersuchung bestimmter Antidota aus vergangenen Zeiten ergab jedoch, dass die meisten Mittel – trotz der hohen Preise – pharmakologisch unwirksam waren. Dies belegt auch der Prager Giftversuch, über den der berühmte Arzt Mattioli (1501–1577) in seinem „Kreuterbuch“ berichtet. Als Leibarzt Kaiser Ferdinands I. nimmt Mattioli 1561 an einem makabren Experiment in Prag teil: Der Kaiser hatte ein Antidot („berühmt pulver wider allerley gifft“) erworben, dessen Wirksamkeit er jetzt testen wollte. Als Versuchsperson wird ein zum Tode verurteilter Dieb ausgewählt. Diesem Mann wird – falls er überlebt – die Freiheit versprochen. In Anwesenheit des Kaisers, „Doctorn und anderer Namhafftiger Leute“ isst der Dieb die Wurzeln, Blüten und Blätter des Blauen Eisenhuts, um dann das Antidot des Kaisers auszuprobieren. Nach 2 Stunden klagt der Dieb über Müdigkeit und Herzschmerzen. Als ihm kalter Schweiß auf die Stirn tritt und der Puls schwächer wird, gibt man dem Dieb das in Wein gelöste Gegengift zu trinken. Aber es hilft nicht! „Da ers getruncken hat/verwandt er die Augen scheußlich/sperrete und zerrete das maul/krümmet den halß….und machte sich unrein. Darnach legt man jhn auff stroh/da klagt er/wie jhn Schauder oder Kälte anstiesse/nach dem brach er sich /und speyete viel stinckenden wust und gewässer auß von Farben gelb und bleich schwartz….starb also sanft ohn alle andere Zufälle und Bewegnuß/gleicherweise als entschlieff er. Das Antlitz wurde jhm bleichschwartz.“

Der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) …
… ist eine bis 1,5 m hohe Staude, bildet schöne, in dichten Trauben stehende, dunkelblaue bis dunkelviolette Blüten, deren oberstes Kelchblatt wie ein Ritterhelm ausgebildet ist. Daher auch der Name Eisen- oder Sturmhut. Ursprünglich eine Gebirgspflanze ist der Eisenhut heute als Zierpflanze in vielen Gärten zu finden. Blütezeit ist Juni bis August.

In der Homöopathie beliebt

Wegen der großen Giftigkeit des Eisenhuts bzw. des Aconitins und der geringen therapeutischen Breite wird diese Giftpflanze in der Medizin nicht mehr verwendet. Dafür ist der Eisenhut in der Homöopathie als Aconitum (bis D3 verschreibungspflichtig) sehr beliebt. Hier gilt Aconitum als erstes Mittel bei allen akuten Schmerzen, Erkrankungen und (fieberhaften) Entzündungen, wird aber auch bei Angst und Panikzuständen eingesetzt. In der Homöopathie hat sich Aconitum im Wechsel mit Belladonna zur Behandlung von Erkältungskrankheiten mit Fieber und Schweißausbrüchen bewährt. Aconitum ist Bestandteil vieler homöopathischer Komplexmittel gegen Erkältungen.

Ernst-Albert Meyer

Die Toxikologie des Eisenhuts
Der Hauptwirkstoff, das Alkaloid Aconitin, kommt in allen Teilen der Pflanze vor, besonders aber in den Wurzelknollen (0,2 – 3 %). Schon 1,5 bis 5 mg Aconitin töten einen Menschen. Für Tiere – besonders Pferde – genügen schon geringere Mengen. Bei den getrockneten Wurzelknollen liegt die letale Dosis bei 1 bis 2 g. Das Aconitin zählt in der Toxikologie zu den am stärksten wirksamen biogenen Giften. Schon das Berühren oder Pflücken der Pflanze birgt Gefahr, denn das Aconitin kann durch die unverletzte Haut resorbiert werden. Gelangen Aconitin oder Pflanzenteile in Mund und Magen, treten schon bald die ersten Vergiftungssymptome auf: Parästhesien in Händen und Füßen, Lähmungen im Gesichtsbereich und ein unerträgliches Kältegefühl im gesamten Körper. Dann folgen Gefühllosigkeit und Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen, erschwerte Atmung, Schwindel, Ohrensausen, Erbrechen und Durchfall. Der Tod tritt je nach Giftmenge in einer halben Stunde oder innerhalb von 3 Stunden durch Atemlähmung oder Herzversagen ein. Auffallend sind die sehr starken Schmerzen bis zum Tod. Das Bewusstsein bleibt bis zuletzt erhalten. Der toxikologische Effekt von Aconitin ist aufgeklärt: Es erhöht die Permeabilität reizbarer Membranen für Natriumionen, verlängert den Natrium-Einstrom während des Aktionspotenzials und verzögert die Repolarisation. Bei Nerven- und Herzzellen konnten Rezeptoren für Aconitin nachgewiesen werden. Aconitin wirkt somit zuerst erregend, später lähmend auf sensible und motorische Nervenendigungen sowie auf das Zentralnervensystem. Am Herzen kommt es durch den Natrium-Kalzium-Austausch zunächst zu einer positiv inotropen Wirkung, dann jedoch bald zu Arrhythmien.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (13) Seite 74-76