Der Duden definiert Populismus als opportunistische Politik, die "die Gunst der Massen zu gewinnen" sucht. Was die Ärzteschaft zurzeit von den Protagonisten der Gesundheitspolitik zu ertragen hat, besitzt die Merkmale populistischer Politik.

Die äußerst platte Forderung nach 25 Stunden Sprechstundenzeit für GKV-Patienten von Herrn Spahn und die noch schlauere Äußerung von Herrn von Stackelberg, die Praxen einfach länger und eben auch am Wochenende zu öffnen, können wohl zu Recht als Vorzeigebeispiele für Populismus in der Gesundheitspolitik dienen. Ohne analytische Ursachenforschung wird ein hochkomplexer Gesellschaftsbereich einer ganz einfachen Lösung zugeführt. Des Weiteren sind die Problembereiter, eben die Ärzte, klar definiert und bedürfen bloß klarer Ansagen, damit die Probleme sich in Luft auflösen.

Gehen wir davon aus, dass Gesundheitspolitiker das höchste Gut des Menschen, die Gesundheit, flächendeckend erhalten wollen, müssten sie sich zwangsläufig die Frage stellen, welches Grundproblem die Akteure des Gesundheitssystems daran hindert, sich im Sinne der Verbesserung der Patientenversorgung frei zu entfalten. Nun, die Antwort ist einfach. Es ist der Zwang für Ärzte, ein vorgeschaltetes Budget einzuhalten, bei zugleich allumfassendem Zugang der Patienten zu allen möglichen Gesundheitsleistungen.

Es macht unter Budgetdruck unter anderem keinen Sinn, weitere Patienten aufzunehmen und Termine zu vergeben. Dies löst Kosten aus, welche nicht gegenfinanziert sind. Deshalb gibt es Terminschwierigkeiten, und es wird sie bei vorgegebenem Budget auch weiter geben. Budgetierung ist auch zwischen den Arztgruppen hochgradig ungerecht, da einige mehr, die anderen weniger auf die morbiditätsorientierte Gesamtvergütung angewiesen sind, denn nicht alle Arztgruppen profitieren gleichmäßig von der extrabudgetierten Vergütung. Sie ist auch sozial ungerecht, da sie Praxen benachteiligt, welche sich hauptsächlich aus GKV-Einnahmen finanzieren. Praxen mit hohem Selbstzahleranteil profitieren. Dies führt zwangsläufig zu einer ungleichen Verteilung von Praxen und letztendlich zu dem gefühlten Phänomen geringer Arztdichte in dünn besiedelten Regionen und sozialen Brennpunkten zahlreicher Großstädte.

Eine Abschaffung des Budgets kommt nicht infrage, so die klare Ansage des Gesundheitsministers. Stattdessen werden die Bedingungen freiberuflicher Ärzte weiter eingeschränkt, mit wahrscheinlich desaströsen Folgen. Zurzeit verzeichnen wir circa 155.500 ambulant tätige Ärzte, davon sind 34 % über 60 Jahre alt. Wäre eine Gesundheitsversorgung auf diesem hohen Niveau noch möglich, wenn nur ein Bruchteil dieser Kollegen vorzeitig ihre Praxis schließt, weil sie sinnfreie Entwicklungen wie nutzlose IT-Anbindung, Sprechstundenausweitung, Wochenendsprechstunden nicht mehr mittragen wollen? Welche Chancen auf Nachbesetzung bestehen unter diesen unattraktiven Bedingungen und bei nicht vorhandenen Nachfolgern?



Autor:

Dr. med. Hanjo Pohle

Facharzt für Allgemeinmedizin, Vizepräsident der Landesärztekammer Brandenburg
03044 Cottbus

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (6) Seite 5