Im hausärztlichen Versorgungsalltag führen strukturelle Zwänge wie Zeitdruck und Ressourcenknappheit häufig dazu, dass der Aspekt der Prävention nicht den Stellenwert hat, der wünschenswert wäre. Mithilfe von Gesundheits-Apps könnte sich dies allmählich ändern. Allerdings müssen dafür vorher eine Reihe von Problemen gelöst werden.

Bereits vor Jahren wurde gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um den Aspekt der Vorbeugung als "vorausschauende Vermeidung gesundheitlicher Risiken und Förderung von Gesundheitspotenzial" [1] stärker im Gesundheitssystem zu verankern. Besonders mit Blick auf die hausärztliche Versorgung wurden Erwartungen und Zielsetzungen formuliert, Allgemeinärzte in die Rolle von ‚Präventionslotsen‘ zu bringen, die verstärkt gesundheitliche Risiken und Belastungen ihrer Patienten erfassen bzw. bewerten und vorausschauend Gesundheitskurse oder andere Aktivitäten empfehlen [2]. Darüber hinaus gab und gibt es immer wieder regionale Initiativen, die darauf abzielen, den Hausarzt als ‚Gesundheits-Coach‘ für niedrigschwellige Präventions- und Therapieangebote aufzubauen [3, 4].

Doch viel getan hat sich bisher nicht. Nach wie vor setzt Prävention in der Versorgungspraxis zumeist erst an, wenn Risikofaktoren bereits vorliegen oder eine Krankheit besteht. Auch haben sich Allgemeinärzte trotz vereinzelter Good-Practice-Beispiele nicht nachhaltig als Mediator im Bereich Gesundheitsförderung etablieren können. Dass dies so ist, hat ganz wesentlich mit der Arbeitsbelastung insbesondere von hausärztlich tätigen Medizinern zu tun, die unter dem alltäglich hohen Zeit- und Ressourcendruck oft nicht die Möglichkeit haben, eine umfängliche Primärprävention leisten zu können [5]. Mit der massenhaften Verbreitung von Gesundheits-Apps könnte sich dies nun ändern.

Apps bieten neue Chancen für die Prävention

Solche Programme werden aktuellen Erhebungen zufolge von jedem zweiten Smartphone- bzw. Tablet-Nutzer verwendet [6]. Beliebt ist die Nutzung von Apps zur Aufzeichnung von Körper- bzw. Fitnessdaten oder um sich über Gesundheits- und Ernährungsthemen zu informieren [7, 8]. Die konkrete Zweckbestimmung von Gesundheits-Apps ist in der Praxis aber oft schwer zu ermessen.

Oft wird Gesundheits-Apps das Potenzial unterstellt, zu einem Empowerment von Patienten beizutragen (u. a. Motivation zu gesundheitsbewusstem Verhalten) und so womöglich einen längerfristigen Beitrag zur Gesundheitsförderung und Krankheitsbewältigung zu leisten [10]. Auch ist denkbar, dass die Therapietreue durch Apps erhöht und Arztkontakte effektiver gestaltet werden, sodass im Idealfall Krankheiten oder Krankheitsrisiken früher identifiziert werden [11].

Gesundheits-Apps sind so konzipiert, dass sie sich leicht in den Alltag des Nutzers implementieren lassen. Dadurch ist es möglich, dass der Hausarzt beispielsweise den Einsatz einer App zur kardiovaskulären Risikoprävention initiiert und den Patienten anschließend begleitet. Der Patient kann eigenständig mit der App interagieren und in regelmäßigen Abständen Vitaldaten an die Praxis übertragen, ohne Termine vor Ort in Anspruch nehmen zu müssen, was wiederum Entlastungspotenzial für den zuständigen Arzt mit sich bringt. Darüber hinaus bieten spezielle App-Lösungen inzwischen die Möglichkeit, einen Kommunikationskanal zwischen Arzt und Patient zu eröffnen, um den Arzt als eine Art Supervisor fungieren zu lassen.

Hausärzte nehmen das Potenzial wahr, aber …

Eine von der Abteilung Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Mainz durchgeführte Befragung von 221 Hausärzten in Hessen und Thüringen hat gezeigt, dass Allgemeinärzte gerade das präventive Potenzial, das Gesundheits-Apps bieten, sehr wohl wahrnehmen [12]. So halten 80 % der Befragten es für sehr oder eher sinnvoll, wenn Apps an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten oder etwa an Impf- und Vorsorgetermine erinnern. Den Aspekt Prävention, z. B. zur Selbstkontrolle von Risikofaktoren durch tagesregulierende Funktionen, halten 73 % für einen sehr oder eher sinnvollen Einsatzbereich. 67 % sehen die Einhaltung eines gesundheitsförderlichen Lebensstils als sehr oder eher sinnvolle Funktion. Die Befragten wurden gebeten, an diejenigen unter ihren Patienten zu denken, die Gesundheits-Apps nutzen, unabhängig davon, ob dies auf ärztliche Empfehlung geschah oder nicht. Nach ihrer Erfahrung gefragt, bekunden 55 %, Gesundheits-Apps hätten bei ihren Patienten im Großen und Ganzen einen sehr oder eher positiven Beitrag zur Gesundheitsvorsorge und/oder Genesung geleistet. In klarer Minderheit sind dagegen jene Ärzte, die negative Effekte für das Patientenwohl beobachtet haben (22 %; niemand mit Gesundheits-Apps bekannt: 12 %; k. A.: 11 %).

Die Krux mit den Apps

Trotz dieser positiven Einschätzung in Bezug auf Gesundheits-Apps ist nur ein knappes Drittel der Befragten bereit, Apps in der eigenen Patientenversorgung vorbehaltlos einzusetzen. Entsprechend sind viele Ärzte zurückhaltend, wenn es darum geht, bestimmte Anwendungen zu empfehlen. Die Ursachen für diese Reserviertheit in Bezug auf Apps wurden in weiteren Ergebnissen der Studie deutlich und lassen sich zu vier wesentlichen Problemfeldern verdichten.

1. Datenschutz und Qualitätsstandards:

Viele Apps werden nicht nach allgemeingültigen Qualitätsstandards entwickelt, wie es bei Gesundheitsthemen angemessen wäre, sondern nach den Vorstellungen der jeweiligen Entwickler. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Sorge vor einem Missbrauch von Gesundheitsdaten unter Hausärzten eine vorrangige Sorge ist. Unachtsamkeit der Nutzer, aber auch absichtlich eingebaute Fehler, der Einbezug von Werbung oder die Anbindung an soziale Netzwerke können bewirken, dass in die App eingespeiste Daten mit Informationen aus anderen Quellen verknüpft und weitergeleitet werden [6]. Solange keine Vorgaben existieren, die den Schutz persönlicher Daten konsequent gewährleisten, bleibt die Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit vieler Apps fraglich.

2. Gute Wirkungen, schlechte Wirkungen:

Obwohl Hausärzte durchaus beobachten, dass Patienten von Gesundheits-Apps profitieren, hat die Forschung bislang nur wenig Evidenz über deren kurz-, mittel- und längerfristige Wirksamkeit geliefert; ähnlich verhält es sich mit Neben- und Fehlwirkungen solcher Programme [13]. Für die Hausarztmedizin ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen, da ihre Patientenklientel heterogen ist. Zu ihr gehören nicht zuletzt ältere Menschen, die die Anwendung einer bestimmten App möglicherweise überfordert und infolgedessen negative Auswirkungen hat (z. B. Fehlschlag einer Therapie). Insofern gibt es einen großen Bedarf nach Studien, die Wirksamkeitsnachweise über die Anwendung von Apps speziell im hausärztlichen Setting führen.

3. Fehlende Orientierung:

Die enorme Zahl von unterschiedlichen Apps, die größtenteils nicht als Medizinprodukte klassifiziert sind, macht einen Überblick für Hausärzte naturgemäß schwer. Angesichts eines ungeordneten Feldes von inzwischen mehr als 120.000 Apps, die in den jeweiligen Stores zur Verfügung stehen, bedarf es einer orientierungsstiftenden Instanz, die Informationen über aktuelle Entwicklungen liefert und bei der Einschätzung hilft, welche App für welches Anwendungsgebiet sinnvoll und vertrauenswürdig ist. Unter Zuhilfenahme eines solchen Überblicks wären viele Hausärzte bereit, Empfehlungen auszusprechen und Patienten im Hinblick auf Gesundheits-Apps zu beraten. Zwar gibt es bereits kommerzielle Portale wie Health-
On, die im Dickicht digitaler Gesundheitsanwendungen über Qualität, Risiken und Nutzen von Gesundheits-Apps informieren [14]. Hausärzte würden es allerdings präferieren, würde diese Orientierungshilfe von einer strikt neu-
tralen Instanz zur Verfügung gestellt. Denkbar wäre etwa die DEGAM, die Bundesärztekammer oder auch ein seriöses Forschungsinstitut.

4. Ungeklärte Rechts- und Honorierungsfragen:

Ein weiteres ungeklärtes Feld betrifft Fragen der rechtlichen Absicherung im Zusammenhang mit dem Einbezug von Apps in die Versorgung. Solange nicht abschließend geklärt ist, inwiefern der Arzt zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn es aufgrund von via App gesammelten Daten zu einem Behandlungsfehler kommt, werden viele Hausärzte Unsicherheit verspüren. Ähnliches gilt für Fragen der Honorierung im Zusammenhang mit Beratungs- und Unterstützungsleistungen zu Apps.

Viele Möglichkeiten, viele offene Fragen

Zweifellos eröffnet die große Beliebtheit von Gesundheits-Apps bei Verbrauchern [15, 16] gerade der Prävention im hausärztlichen Bereich neue Möglichkeiten. Wie verschiedene Studien belegen, sind sich viele Allgemeinärzte dieser Potenziale (Stärkung der Patientenrolle, Verbesserung von Informationsstand, Motivation und Therapietreue) bewusst. Allerdings kann der denkbare Mehrwert, den Apps im Feld der Gesundheitsförderung bieten könnten, derzeit noch nicht ausgespielt werden. Es wird entscheidend sein, die ungelösten Fragen in Bezug auf die Implementierung in die Versorgung zu lösen und damit die Bedenken zu adressieren, welche bei Hausärzten erkennbar sind. Was notwendig wäre, ist unter anderem eine größere Evidenzbasis zu schaffen, eine stärkere (regulatorische) Qualitätskontrolle, tragfähige Kriterien zur Zweckbestimmung von Apps zu definieren, rechtliche Fragen zu klären oder auch die Möglichkeit, Gesundheits-Apps mit nachgewiesenem Nutzen verordnungs- bzw. erstattungsfähig zu machen [1, 17]. Erst unter diesen Voraussetzungen werden Gesundheits-Apps ihren potenziellen Nutzen als Instrumente der hausärztlichen Prävention voll entfalten können.


Literatur
1. DGZMK. Falsche Versorgung und Mangel an Prävention belasten das Gesundheitswesen jährlich mit Milliardensummen.
https://www.dgzmk.de/presse/pressemitteilungen/ansicht/news/falsche-versorgung-und-mangel-an-praevention-belasten-das-gesundheitswesen-jaehrlich-mit-milliarden.html (abgerufen: 22.02.2019)
2. Gieseke S. Ärzte werden zu Gesundheitsberatern. https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/praevention/article/828822/praevention-aerzte-gesundheitsberatern.html (abgerufen: 22.02.2019)
3. Krüger-Band H. Prävention: Der Hausarzt als Gesundheits-Coach. Dtsch Arztebl 2011; 108(41): [16]. https://www.aerzteblatt.de/archiv/109437/Praevention-Der-Hausarzt-als-Gesundheits-Coach (abgerufen: 22.02.2019)
4. Pillath S, Wangler J, Jansky M. Der Hausarzt als Mediator. Ältere Patienten zu mehr Bewegung anregen. Der Allgemeinarzt, 41 (3): 38-40
5. Othman C, Wollny A, Abholz H-H, Altiner A. Die Gesundheitsuntersuchung – Ein ungeliebtes Stiefkind? Eine qualitative Untersuchung. Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2008; 84: 280-285
6. Albrecht UV, Hrsg. Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA). Medizinische Hochschule Hannover; 2016
http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00060000 (abgerufen: 22.02.2019)
7. Rohlender B, Reinhardt K. Gesundheit 4.0 – Wie Ärzte die digitale Zukunft sehen.
http://www.hartmannbund.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Umfragen/2017_HB-Bitkom_Start-ups.pdf (abgerufen: 22.02.2019)
8. EPatient RSD. 5. EPatient Survey 2016.
http://dl.health-it-portal.de/topics/860/files/pressemappe_fachmedien_epatientsurvey2016.pdf (abgerufen: 22.02.2019)
9. Obermann K, Müller P, Woerns S. Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2015: Die eHealth-Studie. https://www.stiftung-gesundheit.de/pdf/studien/Aerzte_im_Zukunftsmarkt_Gesundheit-2015_eHealth-Studie.pdf (abgerufen: 22.02.2019)
10. Kapitza T. Megatrend eHealth Mobility. Wiener klinisches Magazin 2015; 18: 52-57
11. Baumann E, Czerwinski F. Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen R, Hrsg. Gesundheitsmonitor 2015. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung; 2015: 57-79
12. Wangler J, Jansky M. Welchen Nutzen bringen Gesundheits-Apps für die Hausarztmedizin? - Eine Befragung unter hessischen und thüringischen Allgemeinmedizinern. Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 94: 259-264.
13. Albrecht U-V, von Jan U. Gesundheits-Apps in der Prävention – nützlich, wirksam, sicher? Arbeitsmedizin Sozialmedizin Umweltmedizin 2017; 52: 432-438.
14. Kramer U. Lernen von Portalen weltweit. EHealthCom, Ausgabe 6/2017, S. 38-43.
15. Bundesministerium für Gesundheit. Studie ‚Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps‘ veröffentlicht.
http://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2016/studie-gesundheits-apps.html (abgerufen: 22.02.2019)
16. Gottschall S. Gesundheits-Apps: Wer nutzt sie?
https://blog.der-digitale-patient.de/gesundheits-apps-buerger/ (abgerufen: 22.02.2019)
17. Albrecht UV. Gesundheits-Apps. Fachübergreifende Qualitätskriterien sind unabdingbar. Dtsch Arztebl 2018; 115: A 67-68



Autor:

Dr. Julian Wangler


Prof. Dr. med. Michael Jansky
Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie
Universitätsmedizin Mainz
55131 Mainz

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (20) Seite 30-32