Die Medizin kann mit immer größerer Präzision sagen, was Krankheit ist, und für viele Krankheiten hat sie heute effiziente Therapien parat. Diesem enormen Leistungsprofil steht eine bemerkenswerte Lücke gegenüber: Gesundheit kommt in den Lehrbüchern der Medizin nicht mehr vor, oft nicht einmal als Eintrag im Register. Gesundheit ist kein Gegenstand der heutigen Medizin.

Natürlich darf man daraus nicht schließen, der Medizin sei ihr Ziel, die Wiederherstellung von Gesundheit, abhandengekommen. Vielmehr ist für die Medizin so selbstverständlich, was "krank" ist, dass sie sich mit der Frage nach der Gesundheit gar nicht mehr aufhält.

Medizin scheint gut damit zu fahren, Gesundheit als unproblematisch vorauszusetzen. Das hat René Leriche, Chirurg und Mitglied des Collège de France, auf die wunderbare Formel gebracht, Gesundheit sei "das Leben im Schweigen der Organe". Erst wenn die Organe nicht mehr geschmeidig ihren gewohnten Dienst tun, macht der Körper auf sich aufmerksam, und es entsteht ein Gefühl des Krankseins, das dann die Medizin zu einer Krankheit zu objektivieren und gezielt zu therapieren versucht.

Krankheit lässt sich objektivieren, Gesundheit nicht. Sie ist kein Gegenstand, sondern wesentlich ein offenes Vermögen, nämlich die Fähigkeit, innerhalb biologisch gesetzter Grenzen ein aktives Leben zu führen. Der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer hat deshalb von der "Verborgenheit der Gesundheit" gesprochen. Auch Leriches Definition besticht dadurch, dass sie offenlässt, worin genau die Leistung der Gesundheit besteht und wie sie sich positiv beschreiben ließe. Gesundheit bleibt hier gezielt inhaltlich unbestimmt als ein offener Bereich, in dem die Organe schweigend munter mittun. Wie immer das im Einzelfall aussieht, es steht fest, dass hier nicht von vornherein an Normalparameter, Durchschnittswerte und Standardabweichungen gedacht ist. Für Gesundheit ist wesentlich, dass sie sich nicht auf eine Definition bringen lässt.

Die WHO macht hier mit ihrer berühmten Gesundheitsdefinition eine Ausnahme – die aber mit ihrer utopischen Unerfüllbarkeit eines "vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens" nur den erhobenen Befund unterstreicht. Wenn die DEGAM in ihrer Bestimmung der Allgemeinmedizin an den von der WHO angesprochenen Dreiklang anknüpft und ihre Mitglieder als "Gesundheitsanwälte" sieht, die "somatische, psycho-soziale, soziokulturelle und ökologische Aspekte" berücksichtigen, dann liegt darin eine unerwartet große und unabschließbare Aufgabe für die Allgemeinmedizin, nämlich Gesundheit und Kranksein immer wieder neu als Pole menschlichen Lebens zu begreifen.



Autor

Prof. Dr. med. Cornelius Borck

Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung
Universität zu Lübeck
23552 Lübeck

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (14) Seite 5