Eigentlich ist es obsolet, einem niesenden Zeitgenossen "Gesundheit" zu wünschen. Trotzdem ist diese Reaktion noch sehr verbreitet.

Als Hausarzt, der gerade in der klassischen "Husten-Schnupfen-Heiserkeit-Zeit" in der Praxis geradezu umzingelt ist von niesenden Patienten, dürften Sie sich die Kommentierung mit einem "Gesundheit" sicher abgewöhnt haben. Doch ansonsten ist dieser Ausruf von angeniesten oder mithörenden Zeitgenossen durchaus üblich.

Fühlt sich der so Angesprochene danach besser? Kann ihn das von weiteren Niesexplosionen abhalten? Fühlt er sich besonders beachtet und geschätzt, wenn bei einem Niesanfall jeder einzelne Nieser von einem mindestens genauso donnernden "Gesundheit" begleitet wird? Das frage ich mich dieser Tage immer wieder und meine Antwort darauf wäre: Nein, keineswegs, es nervt einfach nur.

Peinlich genug, dass man seine Nase nicht im Zaum halten kann und ein Moment der Stille im Theater, im Konzert, auf einer Ausstellung oder im Kino durch ein ohrenbetäubendes "Hatschi" zerstört wird. Aber das lässt sich durchaus noch steigern. Für den Fall, dass vielleicht der ein oder andere der Umstehenden den Urheber dieses nasalen Urknalls nicht eindeutig zuordnen konnte, führt spätestens ein dröhnendes "Gesundheit" auf die Spur des Übeltäters. Manchmal ergibt sich sogar ein längeres, wenn auch eher monotones Zwiegespräch: "Hatschi – Gesundheit – Danke, Hatschi – Gesundheit – Danke, Hatschi – Gesundheit – Danke ..." Manchmal habe ich fast den Eindruck, hier läuft eine Art Wettbewerb in puncto Durchhaltevermögen von Nieser und Wünscher.

Da ich offenbar nicht die Einzige bin, der diese unerquickliche und stupide Konversation gehörig auf die Nerven geht, hat sich der Knigge dazu bereits vor einigen Jahren eine Änderung der diesbezüglichen Benimmregeln einfallen lassen. State of the art ist nun: Gesundheit ist gestrichen, dafür sollte sich der Niesende entschuldigen. Begründung: Mit dem "Gesundheitswunsch" unterstellt man ja dem Gegenüber eine mangelnde Gesundheit, also eine Schwäche und weist darauf hin, dass er nicht fit ist. Nicht sehr nett. Noch weniger freundlich ist die historische Erklärung des Wortes: Angeblich stammt diese Sitte aus den Zeiten der Pest. "Gesundheit" wünschte man damals nicht dem Niesenden, sondern sich selbst.

Noch hat sich dieses Knigge-Update aber wohl nicht durchsetzen können. Vielleicht sollte ich zu drastischeren Maßnahmen greifen, um penetrante "Gesundheit-Wünscher" endgültig verstummen zu lassen. Beim nächsten Mal antworte ich vielleicht mal probeweise mit "du mich auch" oder "nein, danke".

Auf die Reaktionen freut sich schon

Vera Seifert
Redaktion Der Allgemeinarzt



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (2) Seite 32