Viele unserer heutigen Heilpflanzen haben eine interessante Vergangenheit. In Mittelalter und Renaissance waren die meisten Menschen von der leibhaftigen Existenz des Teufels und seiner "Mitarbeiter", der Zauberer und Hexen, überzeugt. Dementsprechend groß war die Angst der Menschen vor der Macht des Bösen. Deshalb versuchte man, sich mit bestimmten Pflanzen gegen teuflische Einflüsse und Hexenzauber zu schützen.

Menschen durch Worte oder durch Blicke schadbringend zu verhexen oder zu verzaubern, bezeichnete man früher als "berufen" oder "beschreien". Dementsprechend wurden bestimmte Pflanzen als "Berufkräuter" oder "Beschreikräuter" eingesetzt, um sich in vergangenen Zeiten gegen böse Mächte zu wehren. Denn die Kirche erklärte damals den Gläubigen, dass der Teufel sowie Hexen und Zauberer ständig versuchten, den Menschen zu schaden: Naturkatastrophen, Viehsterben, Krankheiten, Missgeburten, Unfruchtbarkeit, Impotenz, Missernten, Hungersnöte, ungeklärte Verbrechen u. a. wären allein das Werk des Bösen. "Beschreikräuter" wurden daher häufig angewendet, um den bösen Zauber unwirksam zu machen.

Besonders vielseitig – Knoblauch und Baldrian!

Aufgrund seines starken Geruchs war der Knoblauch eine beliebte Pflanze zur Abwehr des Bösen. Die Menschen waren damals überzeugt: Wer Knoblauchstücke bei sich trägt, dem können die bösen Geister nichts anhaben. So gab man Kindern ein Amulett aus Knoblauch und auch Seeleute trugen ihn stets in einem Säckchen bei sich.

Besonders anfällig für bösen Zauber waren Schwangerschaft und Geburt. Deshalb legte man Knoblauch und Petersilie in ein Leinensäckchen und befestigte dies unter dem Leinentuch, auf dem die Wöchnerin lag. Damit war sie gegen Hexerei gefeit. Die Wirkung des Baldrians als Berufkraut lag in seinem unangenehmen Geruch. Mit ihm räucherte man den Teufel aus und vertrieb die Hexen. Wenn auf dem Bauernhof die Milch nicht zu Butter werden wollte, dann flocht die Bäuerin einen Kranz aus Baldrian und goss die "behexte" Milch hindurch. Schon wurde der Zauber unwirksam und aus Milch entstand Butter. In einigen Gegenden hängte man ein Bündel Baldrian mit einer Schnur an die Zimmerdecke. Betrat eine Person den Raum und der Baldrian bewegte sich, dann war das mit Sicherheit eine Hexe oder ein Hexer. Wenn der Bauer Büschel aus Baldrian und Dost (Origanum vulgare) in den Viehstall hängte, waren die Tiere vor den bösen Mächten geschützt.

Mittel zur Vertreibung des Teufels

Der Satan, der Urheber allen Übels, war bei den Menschen besonders gefürchtet. Deshalb standen viele Pflanzen in dem Ruf, den Teufel abzuwehren. Als der Leibhaftige einmal ein junges Mädchen entführen wollte – so die Sage –, streckte sie dem Bösewicht die Pflanze Allermannsharnisch (Allium victorialis) entgegen. Da enteilte der Teufel mit den Worten: "Allermannsharnisch, du böses Kraut, hast mir meine Braut geraubt." Der Arzt und Botaniker Adam Lonicerus (1528 – 1586) empfiehlt in seinem berühmten Kräuterbuch die Engelwurz (Angelica archangelica): "Welcher Angelicam bey ihm hat / ist frei vor Zauberey / in der Speiß eingenommen. / Aber im Trank ist ihre Krafft die Gift auszutreiben. / Angelicam bey sich getragen / wird wider Zauberey / und sonst andere Teuffelsgespenst gerühmt."

Besonders verhasst war dem Satan das Johanniskraut (Hypericum perforatum). Deshalb gab es auch Namen wie z. B. Teufelsbanner oder Teufelsflucht für diese Pflanze. Der in Dresden und Zwickau tätige Apotheker Johann Georg Schmidt (1660 – 1722) ist der Verfasser der 1705 erstmals erschienenen "Chemnitzer Rockenphilosophie". In dieser Sammlung abergläubischer Ansichten bestätigt Schmidt die antidämonische Wirkung des Johanniskrauts: "Sanct Johanniskraut ist von so großer Kraft / den Teufel und Hexen zu vertreiben / dahero auch der Teufel aus Boßheit / dieses Krautes Blätter mit Nadeln durchsticht." Beim Betrachten erscheinen die Blätter des Johanniskrautes punktiert, also wie mit Nadeln durchstochen. Dieser Effekt wird durch die in den Blättern enthaltenen durchscheinenden Öldrüsen verursacht. Die Wut des Beelzebubs auf das Johanniskraut erklärt eine alte saarländische Volkssage: Der liebeshungrige Teufel verfolgte einst ein Mädchen. In ihrer Not setzte sich die gejagte Maid am Waldrand auf ein Johanniskraut und so konnte ihr der Satan nichts anhaben. Der enttäuschte Höllenfürst war rasend vor Wut und durchlöcherte deshalb die Blätter des Johanniskrauts mit Nadelstichen.

Wenn das Vieh verhext war!

Seine Tiere waren der wertvollste Besitz des Bauern: Sie lieferten ihm Fleisch, Felle und Milch oder er konnte sie zum Lebenserhalt verkaufen. Erkrankte das Vieh, gaben die Kühe keine Milch mehr, war das ein großes Unglück. Hier konnten nur Zauberer und Hexen ihre Hände im Spiel haben. Der Besitz der teuren Wunderwurzel Alraune (Mandragora officinalis) galt als sicherer Schutz gegen das Verhexen des Viehs. Die gleiche Wirkung versprach man sich auch vom Ehrenpreis (Veronica officinalis). Weit verbreitet war der Glaube, dass Hexen durch ihre Zauberkraft in der Lage waren, die Kühe auch aus der Ferne zu melken. Um das zu verhindern, pflegte man am St. Andreastag (30. November) mit Knoblauch an Türen und Fenstern Kreuze zu machen. Bereits verhexte Tiere schlugen die Bauern mit Ruten aus Lindenzweigen, um den Zauber unwirksam zu machen. Dabei trafen die Schläge auch die Hexe.

Schutz von Hof, Leben und Gesundheit

Vergräbt man den Allermannsharnisch oder die Blüte des Aronstabs (Arum maculatum) unter der Schwelle der Eingangstüre, kommt nichts Böses ins Haus. Der Beifuß (Artemisia vulgaris) soll sogar ein ganzes Jahr vor Verzauberung und bösen Mächten schützen. Das Beschreikraut (Berg-Ziest, Stachys recta) wurde bei "beschrieenen" (verhexten) Kindern eingesetzt und machte auch den "bösen Blick" unwirksam.

Wegen ihres "Brenneffektes" besaß die Brennnessel (Urtica dioica) die Kraft, Hexen und allen bösen Zauber fernzuhalten. Die Esche (Fraxinus excelsior) wurde gern in die Nähe von Häusern gepflanzt, denn sie schützte das Anwesen vor bösen Geistern. Wer Eschen-Zweige in der Hand trug, dem konnten Hexen und Zauberer nichts anhaben. In Irland soll man "verhexten" Kindern und als Mittel gegen den bösen Blick Fingerhut (Digitalis purpurea) verabreicht haben. Ein Rezept, das sicher öfter zu Vergiftungen und Tod führte. Und über den Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis) schreibt der Arzt Leonhart Fuchs (1501 – 1561) in seinem berühmten Kräuterbuch: "Dieses Kraut haben die alten / abergläubischen Teutschen / Gauchheil darum geheißen / dass sie geglaubet / wo mans am Eingang des Vorhofs aufhänge / dass es allerlei Gauch und Gespenst vertreibe."

Auch das Heidekraut (Calluna vulgaris) war ein berühmtes Mittel gegen das "Berufen". Wer ständigen Schutz gegen Hexen suchte, ließ eine Mistelbeere in Silber fassen und trug sie an einer Kette am Hals. Gegen "angezauberte" Krankheiten, wie z. B. Krämpfe, Fallsucht (Epilepsie), Gicht und Fieber, wendeten die Menschen ebenfalls die Mistel (Viscum album) an. In Norddeutschland wurde beim Hausbau ein Wacholderstrauch (Juniperus communis) unter den Grundstein gelegt. Damit war das Haus für alle Zeit gegen böse Geister gefeit. Der Wermut (Artemisia absinthium) hilft nicht nur gegen Liebeskummer, sondern vertreibt auch Hexen und Teufel.

Die kleine Auswahl der hier vorgestellten Beruf- und Beschreikräuter belegt, wie sehr der Aberglaube früher fester Bestandteil des Alltags der Menschen war.



Autor:
Ernst-Albert Meyer

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (20) Seite 106-108