Aufgrund der Altersstruktur muss in den kommenden Jahren mit der Abgabe zahlreicher Praxen gerechnet werden. In vielen Familien wünschen sich die Eltern, dass Sohn oder Tochter einmal die Arztpraxis übernehmen. Beruht dieser Wunsch tatsächlich auf Gegenseitigkeit, gilt es, in der Zusammenarbeit die Kluft, die häufig zwischen den Generationen liegt, zu überwinden und Schritt für Schritt die Übergabe anzugehen. Was Senior* und Junior* unbedingt hierbei beachten sollten, lesen Sie hier.

Die Übergabe

Mit 65-plus kommt der Seniorarzt auf die Zielgerade seiner beruflichen Laufbahn. Sollte sich der Nachwuchs für die Übernahme entscheiden, wird der Ausstieg des Seniors in Etappen geplant. Oft fühlt sich der Seniorchef noch dynamisch genug und will die endgültige Verantwortungsübernahme des Juniors noch verschieben. Dabei kann er unter Druck geraten, wenn es gesundheitlich plötzlich nicht mehr so richtig geht. Es enttäuscht den Nachwuchs, wenn er den Ausstieg nicht festlegt. Vom "Prinz-Charles-Phänomen" spricht man, wenn der Termin immer wieder verschoben wird, weil die ältere Generation den Posten nicht abgibt. Auch die Queen hat es bis heute nicht fertiggebracht, ihren Sohn als Nachfolger einzusetzen.

Die Kooperation von beiden Generationen für eine bestimmte Zeit kann sehr gut sein. Der Senior arbeitet mit seinem Nachwuchs die erste Zeit als "Doppelspitze" zusammen. Man teilt sich die Patienten auf, der Junior übernimmt neue Patienten, der Senior ist nur noch halbtags tätig. Jede Generation hat alterstypische Eigenschaften, die eine harmonische Zusammenarbeit gefährden können. Die reformerischen Ideen des Nachfolgers und die Erfahrung des Seniors können sich nur sinnvoll ergänzen, wenn jeder kompromissbereit ist. Nur so können die Vorteile beider Generationen unter einen Hut gebracht werden.

Um den Senior zu verstehen, muss der Junior den "Perspektivenwechsel" vornehmen, sich in die Lage seines Vaters versetzen. Hilfreich kann ebenfalls sein, sich mit anderen Junioren auszusprechen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Typisch Senior

Ab wann der Arzt sich zu den Senioren zählt, hängt stark von seiner eigenen Einschätzung ab, von seiner Motivation, seinem Gesundheitszustand und dem Erfolg der Praxis. So mag vielleicht der ein oder andere Senior sich und sein Leistungspotenzial überschätzen und an den althergebrachten Gewohnheiten hängen. Er ist "Bewahrer des Bisherigen". Typisch für ihn: Er ist vergangenheitsorientiert und blickt häufig zurück. Durch die Messlatte "damals" wird "Heutiges" infrage gestellt. Entscheidungen werden kritischer betrachtet als früher, gleichzeitig sinkt manchmal das Verständnis für den technischen Fortschritt fast unmerklich. Mit zunehmendem Alter geht man mehr und mehr auf Abstand, wenn es um neue Systeme geht.

Zu den positiven Merkmalen des Seniors zählt die mit zunehmendem Alter gewachsene Praxiserfahrung, aber auch die Urteilsfähigkeit und die Bindung an Stammpatienten. Darüber hinaus ist meistens im Alter die emotionale Stabilität höher – Jüngere unterliegen stärker Stimmungsschwankungen als Ältere. Vor allem die älteren Patienten schätzen den Seniorarzt hoch ein und vergleichen beim Wechsel zum Junior beide Generationen. Arbeitsmediziner meinen, dass mit zunehmendem Alter die Zahl derjenigen wächst, die auf ihren Gesundheitszustand größeren Wert legen als früher.

Was "die Jugend" gar nicht mag, sind die Weisheiten der älteren Generation: "Zu meiner Zeit war das alles ganz anders …" Oder: "Was Dir noch fehlt, ist die Erfahrung." Da kommt schnell der Gedanke auf, dass die "Alten" in einer ganz anderen Zeit leben, immer nur von früher reden und wenig Verständnis für heute aufbringen. Man muss dem Nachwuchs auch Fehler bei Entscheidungen verzeihen, ohne nachtragend zu sein. Die Älteren waren auch einmal jung und haben auch nicht alles auf Anhieb richtig gemacht. Eigenschaften der jeweils anderen Generation zu akzeptieren, ist wichtig. Differenzen müssen unter allen Umständen in einer Art ausgesprochen werden, die das Selbstwertgefühl des anderen nicht verletzt. Das Gerede hintenherum in der Praxis ist das Schlimmste bei Differenzen. Dabei muss man den eigenen Standpunkt nicht aufgeben, sondern den des anderen anhören und hinterfragen. Nur so funktioniert die generationsübergreifende Zusammenarbeit. Wenn es auf der emotionalen Ebene nicht stimmt, ist die Kooperation gefährdet, denn die fachliche Qualifikation alleine führt nicht zum Erfolg.

Typisch Junior

Der Junior zählt zu den "Veränderern" und will sich gegenüber der älteren Generation durchsetzen, beweisen. Der ehrgeizige Nachwuchs möchte Handlungsspielräume und seine eigene Erfahrung machen. Die junge Generation stellt Althergebrachtes gerne infrage und ist oft von den eigenen Ideen sehr überzeugt. Als Einsteiger hat der Junior meist eine bessere und aktuellere Ausbildung als der Senior. Er ist dynamisch, zeigt Schwung, ist offen für Neues oder will sogar "das Rad neu erfinden". Technik und die Digitalisierung in den Arbeitsabläufen haben für ihn höhere Priorität. Der Senior reagiert in diesem Fall vielleicht eher skeptisch gegen allzu viele Innovationen oder wenn der Junior nach seinem Einstieg alles schnell umkrempeln will. Auch wenn Änderungen dringend erforderlich sind, sollten sie scheibchenweise erfolgen. Es darf den Junior nicht stören, wenn auch nach seinem Einstieg die Patienten häufig vom Senior sprechen und Vergleiche vornehmen. Auch das Mitarbeiterteam steht bei gutem Praxisklima ggf. noch lange Zeit emotional hinter ihm. Fehler des Juniors in den ersten Monaten werden ihm doppelt angerechnet, er hat noch keinen Bonus auf seinem "Leistungskonto". Die Verantwortung für eine Entscheidung liegt aber nach Übernahme voll bei ihm. Die Praxisübergabe sollte auf der Homepage mit einer Vita des Juniors vermerkt werden.

Der Praxisnachfolger wünscht sich:
  • Handlungsspielräume und Verantwortung
  • Akzeptanz seines Arbeitsstils
  • Unterstützung bei neuen Ideen
  • Anerkennung der Patienten

Der Nachwuchs sollte die Nachfolge nicht aus Tradition antreten, sondern nur, wenn er sicher ist, dass die Praxisübernahme auch "sein Ding" ist. Die ersten Jahre der Selbstständigkeit können die schwierigsten sein. Die eigene Familie muss den zusätzlichen Arbeitsaufwand und die damit verbundenen privaten Einschränkungen voll und ganz akzeptieren. Meist zeigt es sich schon in den ersten beiden Jahren, ob der Nachfolger tatsächlich in der Lage ist, in die Fußstapfen seines Vorgängers zu treten.

Klare Absprachen treffen

Außenstehende bekommen nicht mit, welche Diskussionen es zwischen dem Praxisinhaber und seinem Nachfolger nach der Praxisübergabe gibt. Bei der Übergabe gibt es zwar klare Absprachen, die sogar schriftlich festgehalten sind. Aber dann kommt es darauf an, diese auch durchzusetzen. Der Nachwuchs muss immer damit rechnen, dass der Vorgänger auch nach seinem Ausscheiden noch eingreift.

Es kommt darauf an, dass der Nachwuchs dem Senior gegenüber selbstbewusst auftritt und nach der endgültigen Übergabe die Einmischung nicht zulässt. Mit Selbstzweifeln ("So kann ich doch nicht mit meinem Vater reden") kann er sonst unbewusst sein Durchsetzungsvermögen beeinträchtigen. Skepsis und Bedenken belasten gerade dann, wenn es darauf ankommt, selbstsicher aufzutreten. Wer Zweifel hat, ob er es schafft, wer Angst vor Entscheidungen hat, dem wird es vermutlich schwerfallen, die Praxis eigenverantwortlich zu führen.

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit ist im Text die Rede von Senior und Junior. Selbstverständlich sind hier aber auch Frauen bzw. Töchter gleicherweise mit eingeschlossen.



Autor:

Rolf Leicher

Dipl.-Betriebswirt, Fachautor und Referent
69118 Heidelberg



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (3) Seite 67-69