Die Medizin wird immer weiblicher, heißt es. Und zumindest beim Medizinstudium liegen die Frauen zahlenmäßig tatsächlich schon seit einigen Jahren vor den Männern. Ohne Frauen würde im Gesundheitswesen also nicht viel laufen. Nur in den Spitzenpositionen, z. B. in der ärztlichen Selbstverwaltung, spiegelt sich diese Bedeutung noch längst nicht.

Frauen sind in den Organen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen unterrepräsentiert. Das hatte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bereits im Jahr 2011 konstatiert. Folgerichtig hatte die damalige Große Koalition im Jahr 2013 beschlossen, die Partizipation von Frauen in diesen Körperschaften des öffentlichen Rechts zu erhöhen und so das Verhältnis von Frauen und Männern in der Selbstverwaltung zu optimieren.

Männer dominieren die Ärztekammern

Doch passiert ist seitdem relativ wenig, wie die Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion zeigen. Die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen ist nach wie vor "ein Herrenclub", stellte eine Grünen-Abgeordnete nach Durchsicht der vorgelegten Zahlen etwas frustriert fest.

Zum 31. Dezember 2016 waren im Bundesarztregister insgesamt 169.866 an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Ärzte und Psychotherapeuten verzeichnet. Der Frauenanteil daran lag bei 45 %. Bei den niedergelassenen Vertragsärzten betrug der Frauenanteil 44 %. Doch auf der Vorstandsebene der 17 Landesärztekammern spiegelt sich das eher nicht wider. Dort liegt der Frauenanteil durchschnittlich bei etwa 23 %. Lediglich in der recht kleinen Ärztekammer Bremen besetzen Frauen rund 60 % der Vorstandspositionen. Das Schlusslicht in der Tabelle bildet Baden-Württemberg mit einem Frauenanteil von lediglich 9 %. Auch in den Vertreterversammlungen der Kammern sind Frauen mit einem Anteil zwischen 20 und 30 % eher in der Minderheit. Ganz ähnlich sieht es beim Vorstand der Bundesärztekammer aus. Der besteht aus 19 Mitgliedern, und hierunter befinden sich 5 Frauen, was einem prozentualen Frauenanteil von 26 % entspricht.

Trübes Bild bei den KVen

In den Vorständen der Kassenärztlichen Vereinigungen ergibt sich ein zwiespältiges Bild. Zwar kommen Frauen in den Vorstandsetagen der KVen von Schleswig-Holstein, Hamburg, Thüringen und Sachsen auf einen Anteil von ziemlich genau 50 %, in Mecklenburg-Vorpommern stellen sie sogar zwei Drittel der Vorstandsmitglieder. Doch in immerhin 10 der 17 KVen ist gar keine Frau Mitglied des Vorstands. Ausschließlich Männer sind es auch, die derzeit den Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bilden.

In den Vertreterversammlungen der KVen schwankt der Frauenanteil zwischen 8 % in Niedersachsen und maximal 40 % in Thüringen. In der Vertreterversammlung der KBV ist die Situation entsprechend: Von den 60 Mitgliedern sind gerade einmal 11 weiblich, was einem prozentualen Frauenanteil von 18 % entspricht.

Auch bei den Kassen muss man Frauen mit der Lupe suchen

Und welches Bild ergibt sich bei den Krankenkassen, dem 3. bedeutenden Player im Gesundheitswesen? Immerhin machen Frauen hier bis zu 71 % der Beschäftigten aus (IKK-Bundesverband). Doch unter den Vorständen der Kassen muss man Frauen eher mit der Lupe suchen. Bei den BKKen ist zwar noch jeder 5. Vorstandsposten mit einer Frau besetzt, bei den AOKen ist es nur noch jeder 10., bei den Ersatzkassen etwa noch jeder 12. und bei den IKKen gar keiner. Auf der ersten Führungsebene unterhalb des Vorstands sieht es nur wenig besser aus. Allein im BKK-Dachverband verteilen sich die Führungsposten je zur Hälfte auf Frauen und Männer.

Frauen sollten mutiger sein

Eine Karriere in der ärztlichen Selbstverwaltung und in anderen Körperschaften des Gesundheitswesens ist also offenbar immer noch überwiegend Männersache. Doch das Pro-
blem beginnt schon weiter unten, wie Zahlen der Ärztekammer Hessen zeigen. So habe der Anteil der Oberärztinnen in Hessen im Jahr 2016 bei 29 % gelegen, der Anteil der Chefärztinnen sogar nur bei 12 %. Von den Professuren im Fachbereich Medizin seien 2016 gerade einmal 19 % mit Frauen besetzt gewesen.

"Mehr Mut zum eigenen Erfolg" fordert daher Monika Buchalik, Vizepräsidentin der Landesärztekammer Hessen und niedergelassene Allgemeinärztin, von ihren Kolleginnen. Ärztinnen, die Karriere machen wollen, müssten zielstrebig Führungspositionen anstreben – ob in eigener Praxis, im Krankenhaus oder in Forschung und Lehre, so Buchalik. Dabei sollten sie ihre Ansprüche geltend machen – wie zum Beispiel Verträge über die gesamte Weiterbildungszeit abschließen, Netzwerke nutzen, Kinderbetreuung einfordern sowie Mentorinnen- und Wiedereinstiegsprogramme in Anspruch nehmen. Außerdem rät Buchalik Ärztinnen, sich in berufspolitischen Gremien und in der ärztlichen Selbstverwaltung zu engagieren, um die Rahmenbedingungen der Berufsausübung mitzugestalten.

Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (7) Seite 38-39