Wissen Sie eigentlich genau, woher Sie als Hausarzt Ihr Wissen beziehen? Natürlich zapfen auch Sie ganz unterschiedliche Quellen an, doch mit welcher Gewichtung? Dieser Frage ist nun das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) nachgegangen und hat dazu über 1.000 Hausärzte systematisch befragt. Mit zum Teil verblüffenden Ergebnissen.

Qualitätszirkel werden geschätzt

Deutschsprachige Fachpublikationen (fast zwei Drittel aller Ärzte) und ärztliche Fortbildungen (gut drei Viertel aller Ärzte) werden am häufigsten als Wissensquelle genutzt und von den Hausärzten auch mit Abstand am besten bewertet. Hohes Vertrauen genießen auch ärztliche Qualitätszirkel, die drei Viertel aller Befragten mit gut oder sehr gut bewerten. Da mag es aber nicht so recht einleuchten, dass nicht einmal jeder zweite Hausarzt angibt, sich an ärztlichen Qualitätszirkeln häufig oder sehr häufig zu beteiligen.

Leitlinien von medizinischen Fachgesellschaften werden regelmäßig nur von jedem dritten Hausarzt herangezogen. Und dennoch wird von zwei Dritteln der Hausärzte deren Aussagekraft als hoch angesehen. Diese positive Bewertung überrascht, weil ja bekannt ist, dass Leitlinien oder auch Nationale Versorgungsleitlinien in ihrer reinen Form gerade bei multimorbiden und geriatrischen Patienten in der Hausarztpraxis nur bedingt oder gar nicht anwendbar sind. Doch die WIdO-Umfrage bietet noch weitere Überraschungen: So ist es kaum nachzuvollziehen, dass im Internetzeitalter immer noch mehr Hausärzte das Wissen von Pharmareferenten nutzen (36 %) als von Ärzteplattformen (28 %). Dies erstaunt umso mehr, als nur 19 % der Hausärzte die Wissensvermittlung von Pharmareferenten positiv bewerten. Schlechter bewertet werden hier nur noch die medizinischen Beiträge in Publikumsmedien (nur 16,5 % finden diese gut/sehr gut) und die Informationen von gesetzlichen Krankenkassen (15 %). Geradezu desaströs sind aber die Nutzungswerte von Informationen durch Apotheker (8,6 %) und von englischsprachigen internationalen Publikationen (14,6 %). Es ist schon fast grotesk, dass doppelt so viele Hausärzte auf Informationen aus der Gesundheitsindustrie bauen als auf fachliche Informationen der Pharmazeuten. Da bleibt noch viel zu tun, um Vertrauen aufzubauen. Verständlicher ist da schon der geringe Nutzungsgrad englischsprachiger Publikationen, die zwar die Hälfte aller Hausärzte sehr schätzt, die sie aus Zeitgründen aber kaum verfolgen können.

Digitale Gesundheitsbibliothek

Der Forderung der WIdO-Autoren, deshalb eine nationale digitale Gesundheitsbibliothek mit Schnittstellen zur Praxissoftware von Hausärzten einzurichten, kann man sich daher nur anschließen. Angesichts des rasanten und immer schneller voranschreitenden Wissenszuwachses in der (Hausarzt-)Medizin wären solche praxistauglichen und unabhängigen Informationen tatsächlich ein Gewinn, der sich in doppelter Weise auszahlen würde. Für den Hausarzt, weil er sich so viel leichter mit innovativen Therapiestandards befassen kann. Und für den Patienten, weil er auf breitere Behandlungsoptionen seines Hausarztes bauen kann. Einen Versuch wäre eine solche digitale Wissensbibliothek also allemal wert, meint auch

Ihr
Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (8) Seite 43