Trotz des in Deutschland geltenden gesetzlichen Verbots einer ausschließlichen ärztlichen Fernbehandlung machen immer mehr Patienten von medizinischem Expertenrat im Internet Gebrauch. Obwohl oftmals nur unzureichende Informationen über die Identität und Qualifikation der medizinischen Experten vorliegen, wird ihnen großes Vertrauen entgegengebracht. Vor allem aber zeigt eine aktuelle Studie, dass medizinische Online-Beratungen gravierende Folgen für das Arzt-Patient-Verhältnis haben können. Um negativen Effekten vorzubeugen, sollten Ärzte die Online-Informationssuche im Patientengespräch aktiv thematisieren, so die Autoren.

Internetseiten, auf denen sich Informationen zu Gesundheit und Krankheit finden lassen, erfreuen sich wachsender Beliebtheit [1]. Anbieter solcher Dienste werben damit, dass ihre Experten ideale Ansprechpartner seien, um rasch und unkompliziert Abhilfe bei Beschwerden und Unsicherheiten zu schaffen: etwa, wenn es darum geht, eine Krankheit aufgrund von geschilderten Symptomen zu benennen, Fachärzte zu empfehlen oder einen Rat zum Umgang mit einer chronischen Erkrankung zu geben [2].

Umstrittene Angebote

Was genau unter einem Experten zu verstehen ist, bleibt im Fall vieler Portale offen. Nur ein Teil der Beratungsdienste gibt Auskunft darüber, ob sie ausgebildete Mediziner einsetzen. Rechtlich bewegt sich medizinischer Expertenrat im Internet auf einem schmalen Grat. Die Berufsordnung für Ärzte in Deutschland verbietet eine reine Fernbehandlung (§ 7 Abs. 4). Aufgrund dessen darf die Online-Beratung nur allgemein über Krankheit und Symptome aufklären, sofern nicht vorher eine persönliche Begutachtung stattgefunden hat [4].

Zudem verbietet § 9 des Heilmittelwerbegesetzes, mit einer Ferndiagnose zu werben. Im Alltag ist die Abgrenzung von Beratung und Therapieempfehlung häufig unklar. Bis heute ist umstritten, wann eine Beratung im Internet zu allgemeinen Befindlichkeitsstörungen als Fernbehandlung gilt.

Was treibt die Patienten an?

Um einen Beitrag zur bislang dürftigen Studienlage zum Thema ‚Expertenrat im Internet‘ [6] zu leisten, führte die Abteilung Allgemeinmedizin des Zentrums für Allgemeinmedizin und Geriatrie an der Universitätsmedizin Mainz eine breit angelegte Online-Befragung durch. Die Befragung wurde in den Foren von elf deutschsprachigen Gesundheits- und Ratgeberportalen mit und ohne Expertenrat-Bereich geschaltet, darunter auch Anbieter wie NetDoktor, Onmeda, Esando und Sanego. Der Fragebogen konzentrierte sich auf die hausärztliche Versorgung. Drei Fragestellungen standen im Mittelpunkt:

  • Welche Motive bewegen Patienten dazu, medizinischen Rat im Internet zu suchen?
  • Welche Vorteile sehen Patienten darin, über das Internet medizinisch beraten zu werden?
  • Welche Folgen hat die Inanspruchnahme von medizinischem Rat im Internet für das Arzt-Patient-Verhältnis?

Große Nachfrage, großes Vertrauen

Von den insgesamt 207 Personen, die an der Befragung teilnahmen, geben 80 % an, wenigstens von Zeit zu Zeit eine Online-Beratung durch einen vermeintlichen medizinischen Experten in Anspruch zu nehmen. 41 % lassen sich gelegentlich oder sogar häufig beraten. Von den Befragten, die Gebrauch von einer medizinischen Online-Beratung machen, nutzen 70 % solche Angebote, um sich im Vorfeld eines Arztbesuches zu informieren. 56 % geben an, nach dem Arztbesuch Gebrauch von medizinischem Expertenrat im Internet zu machen, um sich weiter zu informieren oder eine zweite Meinung einzuholen.

Mit 61 % bekundet eine klare Mehrheit der Befragten, dass sie dem Portal, in dem sie in der Regel medizinische Ratschläge von einem Experten erhalten, eher stark oder sogar sehr stark vertrauen. Nur jeder Fünfte (22 %) hat eher geringes oder gar kein Vertrauen.

Befragte sehen Vorzüge in Online-Beratungen

Beinahe drei Viertel der Befragten (72 %) schätzen die im Internet vorherrschende Anonymität und sind der Meinung, dass eine Online-Beratung nützlich ist, wenn man eine zweite Meinung einholen möchte (73 %). Zwei Drittel (68 %) halten eine solche Form der Auskunft für kompetent und daher für vertrauenswürdig. Mehr als jeder Zweite (59 %) geht entsprechend davon aus, dass die Experten, mit denen man es auf den meisten Portalen zu tun hat, richtige Ärzte sind. Immerhin ein Drittel aller Befragten (35 %) glaubt, dass medizinischer Rat im Internet einen richtigen Arztbesuch ersetzen kann. Fast die Hälfte aller Männer (48 %), aber nur jede fünfte Frau (22 %) sieht in solchen Angeboten einen adäquaten Ersatz.

Gravierende Konsequenzen für das Gesundheitsverhalten

Die Nutzer wurden nach einer Einschätzung gefragt, welche Veränderungen sich ergeben haben, seit sie medizinische Online-Beratungen nutzen. Eine Mehrheit gibt an, aufgrund der Inanspruchnahme von medizinischen Experten im Internet Ärzte besser zu verstehen (66 %), kritischer zu sein (58 %) und mehr Fragen zu stellen (51 %). 37 % bekunden hingegen, der Rat des Hausarztes sei nun nicht mehr so wichtig wie früher. Fast ein Drittel verzichtet aufgrund der Nutzung dieser Portale häufig auf Arztbesuche (32 %) oder wechselt seine Ärzte jetzt häufiger (31 %). Auffällig ist, dass 44 % der Befragten einräumen, seit der Nutzung von Online-Beratungen gelegentlich verwirrter und nicht besser aufgeklärt zu sein. Diese Befragten stehen durch einander widersprechende Ratschläge und Informationen vor einem Entscheidungsdilemma.

Konkurrenz aus dem Internet

Die Ergebnisse der Befragung zeigen: Medizinischer Expertenrat im Internet ist keine Nischenerscheinung mehr, sondern hat sich trotz der gesetzlichen Limitierungen im deutschen Gesundheitssystem etabliert. Sowohl vor als auch nach dem Arztbesuch werden solche Angebote von vielen Patienten konsultiert. Dabei werden Online-Beratungen vor allem aufgrund der Anonymität im Internet geschätzt und mindestens zum Einholen einer zweiten Meinung genutzt. Das Vertrauen reicht bei einem Teil der Befragten so weit, dass sie Online-Beratungen als vollwertigen Ersatz zu Arztbesuchen betrachten. Zudem deuten die Resultate darauf hin, dass die Inanspruchnahme von medizinischem Rat im Internet nicht nur erhebliche Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten von Patienten haben kann, sondern auch auf das Arzt-Patient-Verhältnis. Die Folgen reichen von einem reflektierteren und kritischeren Umgang mit Ärzten bis hin zu einer Abkehr und einem häufigeren Arztwechsel.

Offenbar tragen Online-Beratungen dazu bei, dass sich bei einem Teil der Patienten die Bindung zum Hausarzt abschwächt – es lässt sich von einem Verlust des Informations- und Einflussmonopols der Ärzte aufgrund von Konkurrenzangeboten aus dem Internet sprechen [7].

Ein weiterer Befund ist die beträchtliche Zahl der Befragten, die einräumen, nach der Online-Beratung verwirrter zu sein als davor. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Online-Suche nach Symptomen, Krankheitsbildern und Therapieempfehlungen nicht zu unterschätzende Herausforderungen und Risiken für Patienten mit sich bringt.

Patienten nicht sich selbst überlassen

Angesichts des deutlich gewachsenen Einflusses von Internetinformationen auf das Gesundheitshandeln von Patienten stehen Ärzte generell und Allgemeinärzte im Speziellen vor neuen Herausforderungen. Ärzte müssen heute davon ausgehen, dass Patienten vor und nach dem Arztbesuch das Internet als Quelle zur Informationsbeschaffung und Beratung nutzen. Die auf diesem Weg gewonnenen Informationen sind in der Lage, positive, aber auch negative Wirkungen zu entfalten. Umfragen zeigen jedoch, dass nur ein Teil der Haus- und Fachärzte die Online-Recherche von Patienten überhaupt adressiert oder sich in der Lage fühlt, das Angebot an seriösen Gesundheitsseiten im Internet zu überblicken [10]. Wenn zudem, wie aktuelle Studien belegen, bis zu 16 % aller Hausarztpraxen in Deutschland noch keinen Internetanschluss haben, wird hier ein Nachholbedarf erkennbar [11].

Es erscheint sinnvoll, in der täglichen Sprechstunde aktiv auf internetbasierte Gesundheitsrecherchen einzugehen, deren Potenziale und Risiken zu thematisieren und für die Festigung der Arzt-Patient-Beziehung zu nutzen [12]. So wäre darüber nachzudenken, die Anamnese um die Dimension der (Online-)Informationssuche zu erweitern und gesundheitsängstlichen oder durch widersprüchliche Informationen im Internet verunsicherten Patienten gegebenenfalls mehr Beratungszeit einzuräumen.

Mit Blick auf medizinische Online-Beratungsdienste zeigen bisherige Analysen, dass eine enorme Diskrepanz zwischen der Nachfrage solcher Dienste durch Patienten und deren Qualität besteht [2]. Angesichts der Wirkungen, die Online-Beratungen auf das Gesundheitshandeln haben können, erscheint es dringend geboten, dass Patienten sich ein realistisches Bild von den Möglichkeiten und Grenzen dieser Angebote machen können. So lässt sich die Verlässlichkeit von Informationen und Empfehlungen nur einschätzen, wenn der Patient weiß, welche Qualifikation Online-Ratgeber haben. Definiert werden sollte auch, welche Leistungen eine Online-Beratung zu erbringen hat und wo ihre Grenzen liegen. Derartige Mindeststandards müssten entsprechend festgelegt werden.


Literatur
1. Krüger-Brand HE. Internet als Quelle für Gesundheitsinfos. Dtsch Arztebl 2015; 108, Supplement PRAXiS 3/2015: S2
2. Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Was leistet medizinischer Rat im Internet? Ergebnisse einer empirischen Untersuchung des Onlineangebots "Medizinischer Ex-pertenrat"; 2015
Im Internet: http://www.verbraucherzentrale.nrw/publikationen/medizinischer-rat-im-internet (Stand: 18.02.2017)
3. Rossmann C, Karnowski V. eHealth und mHealth: Gesundheitskommunikation online und mobil. In: Hurrelmann K, Baumann E, Hrsg. Handbuch Gesundheitskommunika-tion. Bern: Hans Huber; 2014: 271-285
4. Bundesärztekammer. (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte; 2015
Im Internet: http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/MBO/MBO_02.07.2015.pdf (Stand: 18.02.2017)
5. Oberlandesgericht Köln. Urteil vom 10. August 2012 • Az. 6 U 235/11; 2012
Im Internet: https://openjur.de/u/462481.html (Stand: 18.02.2017)
6. Baumann E, Link E. Onlinebasierte Gesundheitskommunikation: Nutzung und Aus-tausch von Gesundheitsinformationen über das Internet. In: Fischer F, Krämer A, Hrsg. eHealth in Deutschland. Anforderungen und Potenziale innovativer Versor-gungsstrukturen. Berlin/Heidelberg: Springer; 2016: 385-406
7. PricewaterhouseCoopers (PwC). Konkurrenz aus dem Internet: Informationsmonopol der Hausärzte geht verloren. Healthcare-Barometer; 2015
Im Internet: http://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2015/konkurrenz-aus-dem-internet_informationsmonopol-der-hausaerzte-geht-verloren.html (Stand: 18.02.2017)
8. YouGov. Dr. Internet: Online-Diagnose statt Arztbesuch? Patientenbefragung
der YouGov Deutschland AG im Auftrag der Siemens-Betriebskrankenkasse; 2015
Im Internet: https://www.sbk.org/uploads/media/pm-dr-internet-online-diagnose-statt-arztbesuch-sbk_150528.pdf (Stand: 18.02.2017)
9. Baumann E, Czerwinski F. Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen R, Hrsg. Gesundheitsmonitor 2015. Bürgerorientierung im Gesundheits-wesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung; 2015: 57-79
10. Bertelsmann Stiftung. Ärzte sehen informierte Patienten kritisch; 2016
Im Internet: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2016/juni/aerzte-sehen-informierte-patienten-kritisch/ (Stand: 09.02.2017)
11. Stiftung Gesundheit. Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2015: Die eHealth-Studie. Die Digitalisierung der ambulanten Medizin – Eine deutschlandweite Befragung nie-dergelassener Ärztinnen und Ärzte; 2015
Im Internet: https://www.stiftung-gesundheit.de/pdf/studien/Aerzte_im_Zukunftsmarkt_Gesundheit-2015_eHealth-Studie.pdf (Stand: 09.02.2017)
12. Hannawa AF, Rothenfluh FB. Arzt-Patient-Interaktion. In: Hurrelmann K, Baumann E, Hrsg. Handbuch Gesundheitskommunikation. Bern: Hans Huber; 2014: 110-128


Autoren:
Dr. Julian Wangler, Prof. Dr. Michael Jansky
Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie, Universitätsmedizin Mainz
55131 Mainz

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (9) Seite 30-32