Sachverständige der Europäischen Union haben für jeden EU-Mitgliedstaat ein sog. Gesundheitsprofil erstellt. Darin werden die wichtigsten gesundheitspolitischen Herausforderungen und Antworten analysiert und das landestypische Gesundheitssystem beurteilt. Für Deutschland fällt das "Zeugnis" eher bescheiden aus. Moniert wird insbesondere, dass es an einer funktionierenden Lenkung der Patienten mangelt.

Im Jahr 2017 gab Deutschland 4.300 Euro pro Kopf für die Gesundheitsversorgung aus, was rund 1.400 Euro mehr als der EU-Durchschnitt (2.884 Euro) ist und dem höchsten Niveau unter den Mitgliedstaaten entspricht. Ferner gehört Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Quoten an Krankenhausbetten, Ärzten und Krankenpflegekräften pro Einwohner in der EU.

Fast alle sind gut versorgt

Als positiv bewertet der EU-Bericht, dass Deutschland eine geringe Anzahl von Personen verzeichnet, die einen ungedeckten medizinischen Bedarf berichten. Das Land biete einen breiten Leistungskatalog und finanzielle Sicherheitsnetze, die die meisten Kosten für die Gesundheitsversorgung decken würden. Ein dichtes Netz von Ärzten, Krankenpflegekräften und Krankenhäusern sorge bundesweit für eine insgesamt hohe Verfügbarkeit der Versorgung, die in ländlichen Gebieten jedoch geringer ausfalle.

Es gibt immer weniger Allgemeinärzte

Kritisch bewertet der Bericht, dass zwar die Zahl der Ärzte in Deutschland insgesamt höher ist als im EU-Durchschnitt. Das betreffe aber hauptsächlich die Krankenhäuser. Der Anteil der Allgemeinärzte sei demgegenüber seit dem Jahr 2000 gesunken. Im Jahr 2016 arbeiteten nur 16,7 % der Ärzte als Allgemeinärzte, was 25 % unter dem durchschnittlichen Anteil in der EU lag. Die EU würdigt zwar, dass aktuelle Reformbemühungen sich darauf konzentrieren, mehr Allgemeinärzte in abgelegene und ländliche Gebiete zu bringen, dennoch stelle der Hausärztemangel eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem dar.

Zu viele Arztbesuche

Im Jahr 2017 verfügte Deutschland über 8,0 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner, die Bettendichte ist EU-weit am höchsten und weitaus höher als in Nachbarländern wie Frankreich (6,0 pro 1.000). Dies lasse darauf schließen, dass Spielraum vorhanden ist, um die Versorgung mehr in die ambulante Versorgung zu verlagern, so der Bericht. Allerdings sei auch im ambulanten Bereich, der fast ausschließlich aus Arztleistungen außerhalb von Krankenhäusern besteht, eine hohe Aktivität zu verzeichnen. Die hohe Anzahl der Arztbesuche lasse sich zum Teil durch das Fehlen eines Gatekeeping-Systems und der Verpflichtung zur Einschreibung bei einem Hausarzt erklären. Im derzeitigen System sei es den Patienten möglich, bei mehreren Hausärzten vorstellig zu werden und Fachärzte ohne Überweisung zu konsultieren.

Hausärzte als Gatekeeper

Das grundsätzliche Problem sei, dass die Leistungserbringung in Deutschland stark fragmentiert und nur unzureichend koordiniert sei. Aufgrund des Fehlens eines Gatekeeping-Systems bestünden Versorgungsbrüche zwischen allgemein- und fachärztlicher Versorgung und Informationen würden oft verloren gehen, weil es kein elektronisches Patientenaktensystem gibt. Man kann hier herauslesen, dass der EU-Bericht die Einführung eines hausärztlichen Primärarztsystems für sinnvoll hält und sich dafür ausspricht, wie dies in letzter Zeit auch von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) gefordert wurde.
Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (5) Seite 32